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„Vandalismus“ als Kunstform (DT)

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dagmar02_dlAm 2. Mai diesen Jahres wurden am nordisländischen Mývatn eher zufällig Vandalismusspuren in der Natur entdeckt: jemand hatte mit weißer Farbe Worte auf Stein und Boden und Pflanzen gesprüht.

Die Aktion löste nicht nur Empörung aus, sondern auch Verwunderung, denn nach Ansicht der ermittelnden Behörden habe der oder die Täter anstrengende Wanderungen auf sich genommen, um etwa die Farbmengen auf den Hverfjall zu transportieren und dort zu versprühen.

Am Rand des unter Naturschutz stehenden Vulkans war das Wort „Crater“ zu lesen, in einer Höhle das Wort „Cave“, auf Felsen das Wort „Lava“ und Moos war mit dem Wort „Moos“ beschriftet worden. Und das während einer Zeit, wo sich immer mehr Touristen in der Region aufhielten.

Das ganze roch schon irgendwie nach Kunst und organisierter Aktion.

Dem isländischen bildenden Künstler Hlynur Hallsson spielte schließlich ein äußerst merkwürdiger Zufall in die Hände: der entdeckte nämlich in einer Berliner Galerie Fotos dieser in Island als Naturfrevel dargestellten Phänomene – als Teil einer Ausstellung mit Fotos aus mehreren Ländern.

Hlynur, der selbst als Sprühkünstler aktiv ist, kritisierte jedoch die verwendete Chemiefarbe, die nun aufwendig entfernt werden muss.

Die Spur führte zu Julius von Bismarck, einem deutschen Künstler und Erfinder des sogenannte Image Fulgurators, einem Gerät, mit dem Fotografen noch während des Fotografierens das Bild manipulieren können.

Von isländischen Medien kontaktiert, verneinte der seine Beteiligung an der Aktion und sandte zunächst eine eher magere Stellungnahme zum künstlerischen Projekt, nebst Fotos der Kunstaktion.

Iceland Review hat sich ebenfalls an den Künstler gewendet, und um nähere Erklärung gebeten.

Die Idee sei im vergangenen Jahr bei einer Diskussion unter Künstlern aufgekommen, und er sei einer ihrer Autoren. Es sei darum gegangen, Naturklischées zu beschriften und mit der menschlichen Sichtweise des Phänomens zu deklarieren, die Natur selbst sei nicht verändert worden.

Nur die Sichtweise des Menschen – indem „die Medien eines ganzen Landes schreiben, ihre Natur sei zerstört worden.“ Die Veränderung selbst sei minimal, es gehe ausschließlich darum, wie der Mensch auf etwas blickt. Er selber habe sich weder aktiv beteiligt noch die Aktionen in Auftrag gegeben. Das Ergebnis fände er nach eigener Aussage spannend.

Er habe sich jedoch nicht klargemacht, welche medialen Auswirkungen diese Aktion in Island haben werde und er wolle sich vor der Verantwortung auch nicht drücken. Vielmehr sei der Kontext zu Umweltzerstörung bewusst gewählt worden, um Diskussion und Empörung ins Rollen zu bringen und auf das verzerrte Naturbild des Menschen aufmerksam zu machen. Für ihn sei es in Ordnung, als Sündenbock hingestellt zu werden, wenn er das Thema Umwelt damit wachhalten könne.

Die Länder für die Aktion wurden offenbar willkürlich gewählt. Dass von Bismarck mit seiner Aktion in Island in einen richtigen Fettnapf trat, erstaunt den Künstler selbst. Aber offenbar sind die in Island Tätigen mit ihrer Materialauswahl auch am drastischsten gewesen, denn statt abwaschbarer Farbe wurde Sprühchemie gewählt – im Gegensatz zu den Klischeeworten in den anderen Ländern (siehe Fotos), die von selbst verschwinden oder abgemäht werden können.

Der isländische Künstler und Buchautor Sjón bezeichnete Bismarcks Farbschmiereien auf seiner Facebookseite als „Kleinscheiß“ im Vergleich zu den Namenszügen von Politikern, welche die Natur Ostislands zieren, die hinter dem Kárahnjúkarstaudamm gerade in Zement und Wasserfluten versinkt. Da sei bei der Beurteilung von Umweltfreveln wohl was unter den Tisch gefallen.

Ein anderer Kommentator rückte bei ruv.is das Sprühwerk in die Nähe von Künstlern wie Jóhannes Kjarval, welcher aus weltanschaulichen Gründen oft Spuren in der Natur hinterließ.

Dass ein von Islands bekanntesten Maler geliebtes (und von ihm markiertes) Lavafeld, der Gálgahraun in Álftanes, dem Straßenbau weichen soll, wird derzeit heftig kritisiert.

Die politische und künstlerische Betrachtung der Angelegenheit ist eine Seite – Strafverfolgung eine andere, mit der von Bismarck sich auseinandersetzen muss.

In Island wird in dem Fall nun wegen Vandalismus ermittelt, darauf stehen zwei, in schweren Fällen bis zu vier Jahren Gefängnis. Und da der Künstler sich nachweislich zum Tatzeitpunkt nicht im Land aufgehalten hat, sind inzwischen auch die deutschen Behörden eingeschaltet worden.

Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

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