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Isländische Freiheit – und ihr Preis

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dagmar2013_dlDavon träumt ein jeder Reiter – einmal durch grenzenlose isländische Freiheit tölten, sich keine Gedanken machen, nichts groß planen, einfach nur vorwärtsreiten, der Mitternachtssonne entgegen, über weite Sandflächen, die Berge hinauf, dorthin, wo niemand mehr ist und wohin einem Probleme nicht folgen können.

Solche Touren haben ihren Preis.

Wie der sich zusammensetzt, haben wir uns im Begleitfahrzeug eines Reittouranbieters aus Südisland mal genauer angeschaut. Elwira von Nupshestar.is hat zwei besondere Gäste aus den USA zu betreuen, die sie am frühen Morgen in Reykjavík am Hotel abgeholt hat. Eine Zweitagestour als Verlobungsgeschenk, beide sind keine Reiter, die ganze Tour eine Überraschung, daher auch keine entsprechende Kleidung vorhanden. Raoul verträgt keine Milchprodukte, Anna ist hochgradig allergisch gegen Gluten. Die Vorratskisten von Nupshestar sind also diesmal voller Allergikerprodukte, ohne Aufpreis natürlich.

Während das Paar sich noch mit hausgemachter Kjötsúpa stärkt, laufen draußen die Vorbereitungen: den Hängerinhalt checken (Lebensmittel, Kochzubehör, Bettzeug, Gastgepäck, Pferdezubehör).

Sveinn und Tamara werden die beiden auf dem 35 Kilometer-Ritt begleiten und auch die vier Handpferde führen. Für jeden Reiter sind zwei Pferde vorgesehen, die Satteltaschen voller Proviant.

freiheit_svenni1_dtIm Tölt durchs Þjórsádalur. Foto: Dagmar Trodler.

In der Hochlandhütte angekommen, laden wir den Hänger aus, schleppen Kisten, Kästen und Kühltaschen ins Haus und machen uns an die Vorbereitung des Abendessens. Die Lammkeule wird draußen in einem Erdloch über Holzkohle gegart, der Fisch wandert in den Grill. Das Essen ist traditionell isländisch – Salate, gebackene Kartoffeln, gegrillte Forelle, alles hausgemacht und von bester Qualität. Die kleinen Dinge und der Service machen den Unterschied, weiß Elwira aus Erfahrung. Als die Reiter die Hütte erreichen, werden die Pferde mit Heu versorgt, das zuvor ins Hochland gebracht werden musste und wir können zum gemütlichen Teil übergehen.

Der Tag endet nach Mitternacht mit Pferde füttern, Küche aufräumen und Frühstück vorbereiten. Am anderen Morgen regnet es. Überlegungen, ob das Paar wohl weiterreiten möchte, erweisen sich als unnötig, trotz heftigem Muskelkater wollen beide ihren Ritt vollenden und besteigen tapfer in Regenkleidung verpackt ihre Pferde. Für Elwira und mich geht es zurück ins Haus, Küche aufräumen, Hütte putzen, alle Kisten wieder in den Hänger schleppen, und dann macht der alte Jeep sich auf den Heimweg. Unterwegs kommt doch tatsächlich die Sonne heraus, und am Abend werden Anna und Raoul erzählen, dass sie streckenweise ohne Jacke reiten konnten.

freiheit_alicia5_dtDanke, ihr Lieben! Foto: Dagmar Trodler.

In Stóri-Núpur angekommen packen wir den Hänger wieder aus (wie oft hatte ich die schwere Kiste schon in der Hand??), sortieren alles für den nächsten Ritt in drei Tagen, dann für 7 Personen, und bereiten einen leckeren Imbiß für die Reiter vor, die gegen 17 Uhr strahlend auf den Hof tölten und sich hungrig auf Kaffee und Kuchen stürzen. Im Stall ist danach noch lange Licht, und auch für Elwira endet dieser Tag spät, denn sie bringt die beiden wieder zurück nach Reykjavík.

Pferde, Menschen (und Autos) des kleinen Unternehmens sind jeden Tag mit Leib und Seele im Einsatz. Je weiter ins Hochland man reiten will, desto komplexer und teurer wird die Logistik. Und wenn der kurze isländische Sommer vorbei ist, werden die fleissigen Tölter bei Nupshestar einen Winter lang durchgefüttert und trainiert, um im nächsten Jahr Reitern wieder ein Strahlen ins Gesicht zu zaubern.

Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

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