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Schwer vernetzt – die Musikkneipe in der Netzwerkstatt

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dagmar2013_dlDas südisländische Örtchen Grindavík auf der Halbinsel Reykjanes ist ein Fischerort durch und durch. So kalt und gewerblich der große Fischereihafen auf Landratten wirkt, so farbenfroh und gemütlich ist ein kleines Haus in seiner Mitte: das Fischercafé Bryggjan direkt am Kai. Eine kleine Wunderwelt der Fischerei mit seinen zahllosen Fotos aus alten und fernen Tagen, mit Meeresmemorabilien und Gedöns an der Decke, und mit Musikinstrumenten, die von einer Leidenschaft der Besitzer erzählen. Nichts ist modisch hier, aber alles echt. Und die Kratzer auf dem ausgelutschten Holzfußboden, die haben ihre Geschichte, sagt Alli, einer der Besitzer des Kaffihús.

Folgt man nämlich dem verführerischen Duft der Hummersuppe ins Hinterhaus, gelangt man in eine Werkshalle, wo man dem Fischerleben so nahe wie sonst nirgends kommen kann: hier werden die Fischernetze für große und kleine Trawler hergestellt und repariert.

netzwerkstatt_alli_dtAlli in seinem Netzverkstatt. Foto: Dagmar Trodler.

„Früher kamen die große Makrelenschiffe immer nach Grindavík, da hatten wir noch richtig viel zu tun,“ sagt Alli. Sie kommen nicht mehr und die Mitarbeiterzahl schrumpfte von 35 auf sieben. Die haben jedoch immer noch genug Arbeit. Einmal pro Woche werden Netze zur Reparatur geliefert. Quer durch die Halle gespannt und durchs Fenster bis nach draußen auf einen riesigen Haufen liegt ein Heringsnetz aus Nylon zur Reparatur. Der Heringskutter Hákon wird erst im September wieder in die Fischgründe fahren, das Netz ist daher ein Langzeitprojekt.

Von Hand wird es an Haken aufgehängt, Meter für Meter nachgeschaut, und bei Bedarf geflickt. 650 Meter ist es lang. „Man könnte es bis zum Gipfel des Þorbjörnsfjall hoch ziehen,“ grinst Alli. Er ist gelernter Netzmacher, wie sein Vater, seine Brüder und seine beiden Söhne und ein Quell des Wissens zu Netzen und Zahlen. Den Beruf erlernt man über drei Jahre an der Handwerksschule Tækniskóli in Reykjavík, dazu gehören Materialkunde, Zuschnitt der einzelnen Netztypen und sehr viel Rechnerei.

Alli zeigt ein trollpoki, ein Schleppnetz, dessen Zuschnitt besonders kompliziert ist – alle Einzelteile müssen exakt zusammenpassen, bevor sie mit gelbem Polyethylen (für Dorsche) oder mit rotem (für Rotbarsch) zusammen geknotet werden. Die Einzelteile kommen heute aus Lithauen oder Fernost, das Nähmaterial liefert die isländische Seilerei Hampiðjan in Reykjavík, der weltweit größte Seilproduzent für die Schifffahrt. Noch vor 6 Jahren wurden die Netze ganz in Island hergestellt, vor 60 Jahren in Handarbeit. Heute helfen Maschinen beim Spleißen und Zusammennähen. Zwei dieser Maschinen standen noch vor ein paar Jahren dort, wo heute im Café die Gäste sitzen. Netze wurden damals über den Boden gezogen und hinterließen die Spuren, über denen so mancher Gast heute grübelt.

netzwerkstatt_trollpoki_dtEin trollpoki. Foto: Dagmar Trodler.

2000 Stunden braucht man, um ein Heringsnetz neu herzustellen, und immerhin noch drei Tage für ein Schleppnetz. Dafür legt ein Schiffseigentümer dann mal locker zwischen 60 und über 100 Mio ISK auf den Tisch. Die Netze halten jedoch viele Jahre und werden nach jedem Fang kontrolliert und geflickt. Sind sie schwerer beschädigt, gibt es einen Notruf und Alli fährt mit seinen Männern hinaus nach Helguvík, wo die großen Schiffe anlegen, oder nach Keflavík, und repariert das Netz an Ort und Stelle. „Manchmal kommt der Anruf mitten in der Nacht. Zeit ist Geld in der Fischerei,“ erklärt er. In seiner Netzwerkstatt geht jedoch alles einen eher gemütlichen Gang, man isst zusammen Mittag und frischer Kaffee steht auch immer zwischen Stapeln von Berechnungstabellen und Skizzen auf dem Tisch. Und dann ist da ja noch das Kaffihús, hinter der Tür.

„Das Kaffihús ist nur Hobby“ grinst Alli. Sein Hobby nimmt er jedoch ziemlich ernst, wie vermutlich alles, was der fleissige Netzmeister beginnt. Alli liebt es, seinen Grindavíkern nicht nur eine hervorragende Hummersuppe, sondern auch bodenständige Kultur zu servieren. Und das Bryggjan ist genau der richtige Ort dafür.

An diesem Abend gibt’s Livemusik, wie so oft. Die isländische Bluesband Síðasti Sjens spielt munteren Bluesrock, und der Bassist und ehemalige Kapitän zur See, Þórir Ólafsson, fühlt sich unter den Fischernetzen sichtlich wohl. Die Stimmung ist super, Alt sitzt neben Jung, und der Neuankömmling wird sofort nach seiner Herkunft gefragt. Gegen 23 Uhr schieben sich buntbejackte Touristen in die Kneipe, kaufen ein sparsames Bier und genießen fast fassungslos die Liveatmosphäre mit fröhlich angetrunkenem Jungvolk, betagten Seebären im Islandpulli und gnadenlos abrockenden Großvätern im Sonntagsanzug. Alles im Kaffihús Bryggjan ist echt.

Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

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