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Im Interesse des Pferdes – Das Sattelexperiment (DT)

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dagmar2013_dlDer zweite Tag des Seminars mit Gerd Heuschmann mit dem Titel „Í Þagu hestsins” war dem Reiten selbst gewidmet. Zum ersten Tag siehe den Beitrag von Jens Einarsson Í ÞÁGU HESTSINS – Im Interesse des Pferdes.

Gerd Heuschmann referierte am Morgen einen Exkurs über die Zügellahmheit, eine medizinisch relativ neue Idee in der Veterinärmedizin für ausdiagnostizierte, weiterhin offensichtlich lahme Pferde. Er stellte den Zusammenhang dar zwischen falscher Reitweise, Blockierung des langen Rückenmuskels und Lahmheit der Extremitäten als logische Folge nicht korrekt funktionierender Muskelketten her und zeigte anhand von Videos, wie seine Art der Biege- und Vorwärtsarbeit Pferde aus dem Teufelskreis der Lahmheit herausholen kann.

Die Unterschiede zwischen den beiden Bewegungstypen Rückengänger und Schenkelgänger kamen in dem Zusammenhang ein wenig zu kurz, und die Diskussion anhand von Fotos aus der Islandpferdeszene war aus Mangel an geeignetem Material unergiebig.

schenkelgaengerNase an die Brust, Rücken weg und nur noch die Beine laufen: der Schenkelgänger (Quelle: Gerd Heuschmann).
Dennoch war leicht zu erkennen, wie ein blockierter Rückenmuskel den Brustkorb des Pferdes nach unten sinken lässt und – typisch für den Schenkelgänger – einen Reflex der vorderen Muskelgruppe auslöst. Als Folge hebt sich die Vorhand höher, als physiologisch passend wäre. Er pflichtete jedoch bei, dass in allen Reitsportdisziplinen genau das bei den Richtern Beifall findet. „Wenn Ihr Pferd in Balance und gut ausgebildet ist, können Sie es am Turnier mal so reiten. Solange Sie es nicht jeden Tag so reiten, wird es davon nicht kaputtgehen.” Die Hilflosigkeit gegenüber richterlicher Bewertung und ihrer Grundlage, dem nicht-pferdefreundlichen Reglement, stand spürbar im Raum.
rueckengaengerFreier, losgelassener Rücken, aktive Hinterhand: der Rückengänger (Quelle: Gerd Heuschmann).

In der Reithalle von Mid-Fossum wurden dann sieben Pferde vorgestellt, im Alter von fünf bis zehn Jahren und mit unterschiedlichem Ausbildungsstand, Nutzung und Vorgeschichte.

Ein einzigartiges, simples Experiment entpuppte sich als Quintessenz dieses theoriegeladenen Wochenendes: Heuschmann bat darum, die Sättel um wenige Zentimeter weiter nach vorne zu schieben – dorthin, wo sie nach Meinung der meisten Islandpferdereiter nicht liegen können, weil sie dann die Schulterfreiheit einschränken. Immer noch schieben Trainer als allererstes den Sattel in den Lendenbereich, um eine vermehrte Hinterhandaktivität zu erzwingen. Das jeweilige Pferd wurde einige Minuten mit dieser Sattelung gearbeitet, in einigen Fällen wurde danach wieder in die alte Sattellage zurückgesattelt und erneut geritten.

heuschmann_sattel1_dtKurzer Rücken? Ein Handtuch kann helfen, die Lende zu entlasten. Foto: Dagmar Trodler

Die Unterschiede in der Bewegung ausnahmslos aller Pferde waren beeindruckend. Sie führten Zuschauern wie Tierärzten deutlich vor Augen, wie sich ein blockierter Rückenmuskel auf Takt und Losgelassenheit auswirkt. Mette Manseth, die erste Reiterin auf einer jungen Stute, gab an, sie habe die nach dem erneuten Zurücksatteln wiederkehrende Steifigkeit im Pferd sofort als negativ bemerkt.

Einige Pferde begannen unter der „neuen” Sattelung abzuschnauben, alle fanden leichter ihre Balance, liefen in den Gangarten ungebundener und zeigten weniger Taktfehler und Anlehnungsprobleme.

Bei den Pferden, deren kurzer Rücken kein Verschieben des Sattels erlaubte, nutzte Heuschmann in Ermangelung eines Woilach zwei gefaltete Stallhandtücher, die die hintere Kante des Sattelkissens um mehrere Zentimeter entlastete. Auch dieser „Trick” zeigte Wirkung: der kurze Wallach lief in allen Gangarten harmonischer.

„Wenn Sie den Druck von der Lende wegnehmen, verschwinden alle Anlehnungsprobleme.” betonte Heuschmann und erläuterte noch einmal das Zusammenspiel der beiden Muskelketten an Hinterhand und Vorhand/Genickbereich, welches der Reiter mit seinem treibenden Schenkel am Bauchmuskel beeinflusst.

Über die in der Islandpferdeszene gebräuchlichen Sättel wurde konstruktiv diskutiert. Einar Öder Magnússon befand die meisten Sättel in der Kammer zu eng, was Reiter zusätzlich dazu verleite, den Sattel von der Schulter wegzuschieben. Heuschmann kritisierte den oft zurückgelegten Sattelschwerpunkt, welcher es dem Pferd anatomisch unmöglich mache, den Reiter anzuheben und unter ihm zu schwingen.

heuschmann_sattel2_dtDer Sattel in der Lende blockiert den ganzen Rücken. Foto: Dagmar Trodler.

Welchen Zuhörer man auch fragte, alle äußerten sich positiv über das Seminar. Hatte es am Samstag noch Skepsis gegeben, weil ja „nur” über Trab gesprochen wurde und der Mann keine Erfahrung mit Islandpferden habe, so leistete die Praxis Überzeugungsarbeit. Þórarinn Eymundsson, Ausbilder aus Hólar, sagte, er sei sehr zufrieden mit dem Verlauf des Seminars, weil er so vieles davon in seiner Pferdearbeit der letzten Jahre wiederfinde. Er lobte Heuschmanns Offenheit, Humor und Diskussionsbereitschaft. Und nein, seiner Ansicht nach gebe es gar nicht so viele Unterschiede bei den Pferden. Die Grundlage guten Trainings sei überall die gleiche. Die leitende Tierärztin der Veterinärbehörde MAST, Sigurborg Daðadóttir fand in ihrer Ansprache die richtigen Worte: „Ihre Arbeit ist wie ein Schneeball, den man nicht stoppen kann.”

Das Seminar war nur ein Anfang. Es sollte Anlass sein, das eigene Tun kritisch zu betrachten, mit Demut zu akzeptieren, dass, so Heuschmann, oft das Problem im Sattel sitzt. Und es sollte Anlass sein, mit Offenheit neue Wege zu probieren. Manchmal liegt nur ein Zentimeter zwischen richtig und falsch.

Wenn Tierärzte und Ausbilder ihr Wissen nutzen und vor allem den Mut mitnehmen, nicht-pferdegerechtes Reiten und tierschutzwidrige Sattelung offen anzusprechen – und das Sattelexperiment im heimatlichen Stall ausprobieren - könnte Sigurborg Recht behalten und der Schneeball rollt unaufhaltsam – im Interesse der Pferde.

Dagmar Trodler [email protected]www.dagmartrodler.de

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