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Kultur- und Pferdegeflüster aus Berlin (bv)

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bernhild_dlAnlässlich der Islandpferde-Weltmeisterschaft sind etwa 2.000 Isländer nach Berlin gereist. Sie werden eine Woche spannender Wettkämpfe erleben und dann wieder nach Hause fahren.

Berlin jedoch ist eine Stadt, die seit je her isländische Künstler und Literaten anzieht. Die Schriftstellerin Steinunn Sigurðardóttir lebt nach siebenjährigem Aufenthalt in Frankreich seit 2008 in Berlin. Genauer gesagt in Kreuzberg 61. Hier entstanden nach Der gute Liebhaber ihre Romane Jójó (2011) und Fyrir Lísu (2012).

Am vergangenen Samstag lud Steinunn ein zu einem Literaturspaziergang zwischen Südstern, dem ehemaligen Flughafen Tempelhof und dem Viktoriapark. Denn hier liegen die Schauplätze ihrer beiden neuen Romane. Jójó, ihr siebter Roman auf Deutsch wird im nächsten Frühjahr bei Rowohlt in der Übersetzung von Coletta Bürling erscheinen. Bis es soweit ist, wenden sich Steinunns Rundgänge hauptsächlich an Isländer, die in Berlin leben oder die Berlin besuchen.

Wir sind eine kleine Gruppe von Frauen, die bei drückender Hitze losziehen. Mit dabei ist auch Kristín Svava Tómasdóttir, eine junge Lyrikerin aus Reykjavík. Ihr Gedicht „Scheiß drauf, gehen wir zu mir” wird seit 2011 in dem Arte-Video von Hjörtur Jóhann Jónsson bei jedem Aufruf in einem Chatroom neu geschrieben.

berlin_steinunn2_bvAuf dem Friedhof an der Bergmannstraße: Steinunn Sigurðardóttir liest aus Fyrir Lísu.

Wir begeben uns auf die Spuren des Radiologen Martin Montag, des Protagonisten von Jójó und Fyrir Lísu. Unterwegs erklärt mir Steinunn auf Deutsch, dass es noch eine zweite Hauptfigur gibt, Martin Martinetti, einen krebskranken französischen Clochard. Zwischen dem Arzt Martin und dem Patienten Martin entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.

Martin Montag leidet an einem Kindheitstrauma und sucht in seiner Verzweiflung einen Psychiater auf, einen skurrilen Mann, dem Steinunn einen lustigen Namen verpasst hat. Am Eingang des Kirchhofes der Jerusalems- und Neuen Kirche an der Bergmannstraße, auf dem der fiktive Semper Syropoulos praktiziert, hängt tatsächlich das Schild eines echten Psychoanalytikers und verweist auf dessen Praxis im Souterrain der ehemaligen Friedhofskapelle.

Die Isländerinnen kennen zwar zweckentfremdete Kirchenräume, aber die Umnutzung ehemaliger Leichenhallen verblüfft sie ebenso wie mich. „Kennst Du den echten Doktor?” wird Steinunn gefragt. Nein, sie ist ihm niemals begegnet. Später erfahre ich aus einem Internetartikel: Er wohnt sogar in der Kapelle. Manchmal ist die Wirklichkeit skurriler als die Phantasie.

berlin_sommerluft_bvDie Gräber von Frau Sommer und Herrn Luft.

Martin Montag hat sich als Kind zwei fiktive Eltern zugelegt. Sie ruhen auf dem Friedhof an der Lilienthalstraße und heißen Sommer und Luft. Auf dem Weg zu diesen tatsächlich existierenden Grabstätten kommen wir an einem Grab vorbei, auf dem ein Schild die Angehörigen auffordert sich zu melden, weil die Liegezeit abgelaufen ist. Darüber ist die Gruppe besonders erstaunt, denn auf isländischen Friedhöfen ruht man für immer.

Martin Montag will keine Kinder in die Welt setzen, er will sie nicht behandeln und erträgt nicht einmal ihren Anblick. Ausgerechnet sein alter Freund Martinetti mutet ihm eine solche Begegnung zu. Hier auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, den wir nun erreichen.

Schwaden von Grillfeuern ziehen über die Tempelhofer Freiheit, wie das Gelände nun offiziell heißt. Die Kulturwissenschaftlerin Júlía Björnsdóttir steuert Informationen zum Ort bei. Júlía, die zusammen mit ihrem Mann in Moabit die Galerie 13m betreibt, unterstützt Steinunn seit einem Jahr bei ihren Spaziergängen.

berlin_viktoriapark_bvSteinunn Sigurðardóttir, Kristín Svava Tómasdóttir (sitzend) und Karin Uttendörfer am Viktoriapark.

Vor den Markthallen an der Bergmannstraße treffen wir den „Geheimgast” des Rundganges, die Kreuzbergerin Karin Uttendörfer, Übersetzerin französischer Literatur (z.B. Yonnet), die uns zum Abschluss durch den Viktoriapark führt. Der Hügel mit dem künstlichen Wasserfall, die Ziegen in dem kleinen Gehege – wie idyllisch. Für Martin Montag jedoch ist der Park verbunden mit der schrecklichen Kindheitserinnerung an den Mann mit dem roten Jojo.

Am nächsten Vormittag versuche ich vergebens, den Hut von Steinunn in der Menschenmenge rund ums Brandenburger Tor zu erspähen. Ich bin die Straße des 17. Juni entlanggetrabt, wo sich ein Pferdeanhänger an den anderen reiht, die Stafettenreiter von nah und fern ihre Pferde putzen und schon einmal probeweise auf- und abreiten.

Ich treffe Marion Heindorf aus dem niederrheinischen Anrath. Fünf Reiter aus dem Verein Islandpferdereiter Kreis Heinsberg sind seit dem 25. Juni auf der Westroute, die im niederländischen Orschoit startete, nach Berlin unterwegs. 40 km sind es am ersten Tag, von Niederkrüchten nach Wachtendonk, immer entlang der deutsch-niederländischen Grenze durch den Brachter Wald.

berlin_stafette_bvMarion Heindorf trägt die Fahne von Anrath.

„Im Schnitt sind wir etwa 30 km pro Tag geritten”, sagt Marion, „maximal waren es 40, 45 Kilometer, an manchen Tagen nur 15.” Die Festlegung der Route, die Suche nach geeigneten Nachtquartieren, all das erforderte im Vorfeld des Großen Ritts eine umfangreiche Planung. In Island führt man auf längeren Etappen ein Handpferd zum Wechseln mit – warum das in Deutschland nicht praktiziert wird, erklärt Kollegin Dagmar Trodler in einem Artikel in unserer Rubrik Islandpferde.

Ich laufe weiter Richtung Brandenburger Tor und stolpere fast über den isländischen Präsidenten. Seit einem bösen Sturz vor einigen Jahren steigt Ólafur Ragnar Grímsson nicht mehr aufs Pferd.

berlin_sattelblick_bvBlick über den Rücken von Prinz (vom Hof Faxabol) auf Reiterin Auður Edda Jökulsdóttir (links), Islands Präsidenten Ólafur Ragnar Grímsson und Botschafter Gunnar Snorri Gunnarsson.

Dass die blauen Jacketts Frauen ohnehin besser stehen, denkt sich sicherlich auch Gunnar Snorri Gunnarsson, der isländische Botschafter in Berlin. Und so werden First Lady Dorrit Moussaieff und die stellvertretende Botschafterin Auður Edda Jökulsdóttir ins Rennen geschickt, um Island zu Pferde zu vertreten – eine Aufgabe, die beiden sichtliches Vergnügen bereitet.

berlin_stafette2_bvStafettenreiterinnen vor dem Brandenburger Tor.

Und als dann die 400 Staffenreiter aus Deutschland und Island, aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Tschechien, Dänemark und Schweden auf das Brandenburger Tor zureiten und sich im Kreis aufstellen, als sie von Islands Präsidenten und Berlins Oberbürgermeister begrüßt werden, da steht manchem das Wasser in den Augen. Die Pferde ertragen gelassen Jubel, Trubel und Hitze.

Auf dem Gelände der ehemaligen Trabrennbahn Karlshorst ist alles noch in fieberhafter Vorbereitung für die Eröffnung der Islandpferde-WM. Ausrüster, Gastronomen und Souvenirhändler bereiten sich auf den Ansturm der Besucher vor. Sättel und Reitkleidung, Kunst und Kitsch rund um das Pferd, Informationen über Pferdehöfe und Islandreiseveranstalter – das Angebot ist vielfältig.

berlin_doritt_bvIslands First Lady Dorrit Moussaieff mit Stute Skippa, Ragna Fróðadóttir, Kuratorin der Ausstellung Tölt, und Filmer Thorkell Harðarson.

Auch die Ausstellung Tölt - Inspiration Islandpferd, die zuvor im Felleshus, dem Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften, zu sehen war, ist nach Karlshorst gewandert (Siehe Kulturblick: Erzähl mir was vom Pferd). Das Strickpferd und die audiovisuelle Installation von Thorkell Harðarson sind auf das Wettkampfgelände gezogen, die anderen Objekte und die Fotoserien ins Kulturhaus Karlshorst.

berlin_erk_bvElisabeth Richter-Kubbutat in der Tölt-Ausstellung im Kulturhaus Karlshorst.
Hier treffe ich die Schauspielerin Elisabeth Richter-Kubbutat, die am kommenden Sonntag, den 11. August, um 11:30 Uhr im Kulturhaus Pferdegeschichten von Jon Sveinsson (Nonni) für Kinder und Erwachsene lesen wird. Darunter Das liegende Pferd, das auch eine meiner Lieblingsepisoden aus dem Band Sonnentage ist.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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