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Magic happens – ein Zelt für einen Zirkus (DT)

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Wenn in einem Land Wunder wahr werden können, dann in Island. Davon ist Lee Nelson fest überzeugt. Der in Australien geborene Straßenkünstler kam nach jahrelangem Herumwandern durch mehr als 100 Länder, wie er sagt, auch auf die Insel am Polarkreis, im Jahr 2005, als hier die Welt noch in Ordnung war.

„Ich kam und war der einzige Clown in Island,“ erzählt er. „Wally“, wie sein Alter ego heißt, bot Handstandunterricht ohne Bezahlung an. Die Leute kamen nach und nach in die Bude ein, sagt er. Handstand sei die Basis des Zirkuswesens. In der Sprache des Handstands, der die Welt auf den Kopf stellt, treffen sich die Menschen, die Zirkus leben.

Sieben Jahre später hat der Straßenkünstler nicht nur einige Generationen an Zirkusartisten herangezogen, sondern auch ein Projekt auf die Füße gestellt, das seinesgleichen in Island und Europa sucht: Sirkus Íslands.

sirkus1Eyrún Ævarsdóttir, Seidentuchartistin. Mit freundlicher Genehmigung von Sirkus Íslands.

Sirkus Íslands ist Islands einziger professioneller Zirkus, der 10 Künstler voll beschäftigt und weitere 10 regelmäßig für Projekte dazuholt. Das ganze sei viel größer geworden, als er erwartet habe, gibt er zu. Eine Menge Arbeit stecke dahinter, er sei Agent, Manager, Leiter, und natürlich immer noch als Clown Wally auf der Bühne. Ein Zirkusjahr vergehe mit Planungen, Proben und Auftritten wie im Fluge.

„Ich lebe hundert Leben. Aber ich bin immer noch Straßenkünstler,“ betont Nelson.

In Island trage ein Zirkus viele Hüte, um wirtschaftlich zu überleben. Sirkus Íslands bedient sämtliche Sektoren des isländischen „hátíð“-Lebens – von den traditionellen Jahresfesten der Unternehmen über die unzähligen Familienfestivals draußen im Land, Eröffnungsfeiern, Firmenparties, Konzertfestivals bis hin zu kleinsten Wochenendvergnügungen wie Gesichter bemalen und zaubern für Kinder im Baumarkt – für jeden Anlass hat der Sirkus das passende Programm, verknüpft mit einem funktionierenden Netzwerk aus Kostümdesign, Maskenbildnerei oder Videoproduktion. „Wir liefern, was gebraucht wird,“ erklärt Nelson. „Zirkus ist Entertainment.“

Die Artisten, Jongleure und Zauberkünstler machen Kinder ebenso glücklich wie Erwachsene mit dem Zirkusprogramm Skinnsemi und müssen sich in keinster Weise hinter kontinentalen Zirkussen verstecken. Nelsons Artisten, die alle internationl renommierte Zirkusschulen besucht haben, oder studieren gerade, verfügen über Erfahrung und geben ihre Kunst auch in Kursen weiter. Die Sprache des Handstands erfreut sich auch nach sieben Jahren in Island noch großer Beliebtheit.

Beim diesjährigen Circus Festival „Vulcano“ in Reykjavík konnte die Truppe ihr Programm zum ersten Mal in einem echten Zirkuszelt präsentieren. Ein einschneidendes Erlebnis, sagt Nelson, nicht nur wegen der restlos ausverkauften Shows. „Im Gemeindehaus oder im Saal musst du gucken, was ist da, und was gehen könnte. Das ist nicht progressiv, das ist nur reagieren. Im Zirkuszelt kannst du alles kontrollieren, du kannst die Show komplett kreieren. Nachdem die gemieteten Zelte wieder in ihre Heimat abtransportiert worden waren, wussten wir: wir wollen unser eigenes Zirkuszelt.“

Weil solch ein Projekt ist auch für einen Zirkus mit gefüllten Auftragsbüchern kaum zu finanzieren ist, haben die Artisten sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: sie präsentieren ihr Projekt im Crowd-funding – jedermann kann eine kleine Summe spenden, und wenn die Mindestsumme erreicht ist, hat das Projekt Chancen auf Anschlussfinanzierung. Sechs Tage sind noch Zeit, für das Zirkuszelt des Sirkus Íslands zu spenden, und Nelson zeigt unerschütterlichen Optimismus.

„Wunder werden wahr,“ sagt er. Erst recht hier in Island. Die Insel im Polarmeer ist zu seinem Shangri-La geworden nicht nur wegen seiner isländischen Frau und den beiden Kindern. „Hier kannst du mehr aus deinem Leben machen in an jedem anderen Ort der Welt. Und du kannst in einem einzigen Leben mehr erreichen als sonstwo.“

Es scheint, dass Nelson mit seinen Visionen am richtigen Ort gelandet ist.

Hier und bei Facebook können Sie mehr über den Zirkus lesen.

Und hier finden Sie die Aktion für das Zirkuszelt.

Dagmar Trodler – [email protected] www.dagmartrodler.des

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