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Geschichten vom Mündungssand (bv)

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Tränenblind verstaue ich meinen Eimer und den Sack mit Strandhafer zwischen den Dünen und warte auf das Pferdetaxi aus Húsey.

Nein, es kann nicht der schwarze Ufersand sein, der plötzlich meine Augen reizt. Denn ich habe bereits seit Stunden Strandhafer auf kahle Uferflächen und Dünen des Lagarfljóts gesät, dort wo er seinen Lauf westwärts wendet, um einen Ausweg ins Meer zu finden.

Sind etwa die feinen Staubwolken, die über das Flussbett der entfernten Jökulsá á Brú ziehen und die der Wind über die Ebene des Héraðssandur trägt, Schuld an meinen Tränen?

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„Es ist feiner Tonstaub“, sagt Örn Þorleifsson, Bauer auf Húsey. „Beim Bau des Kárahnjúkar-Staudamms haben sie den Aushub aus Gletschereis und gefrorenem Ton einfach in die Jökulsá geworfen. Giftiger Schlamm, der den Sand zwischen den Armen der Jökulsá so verfestigt hat, dass er nicht mehr rieseln kann und keine Pflanze sich auf ihm ansiedeln mag. Und zugleich trägt der Wind ständig den Tonstaub ab.“

Damit der lockere Sand an den Ufern des Lagarfljóts nicht verweht, wird Strandhafer gesät, darüber habe ich vergangenes Jahr in Kein Hafer für die Pferde, berichtet. Von der zuletzt ausgebrachten Saat sind nun im Sommer 2013 nur ein paar kümmerliche Halme übrig. Weggespült bei der großen Überschwemmung im Frühjahr.

lagarfljot03_bvJuli 2013 an der Biegung des Lagarfjóts nach Nordwesten.

Der Lagarfljót war so weit wie noch nie über seine Ufer getreten und hatte sich tief ins Land gefressen. Obwohl das Wasser zurückgegangen ist, reicht es noch bis zu den Dünen. Auf den sumpfigen Wiesen im Hinterland liegt Treibgut.

lagarfljot02_bvZum Vergleich: Mai 2012 an der Biegung des Lagarfjóts nach Nordwesten.

Warum fließt der Fluss nicht auf direktem Wege ins Meer, sondern fordert mehr und mehr Land?

Warum lenkt er kurz vor der Mündung seinen Weg nach Nordwesten, um gemeinsam mit der Jökulsá durch eine schmale Gasse zwischen den Sanddämmen in den Atlantik zu fließen?

Ehemals, erklärt mir Örn, floss der Lagarfljót nach einer kleinen, der Erdrotation geschuldeten Rechtskurve, geradewegs ins Meer. Ich will es genau wissen und stoße in der alten Zeitung Austri auf eine faszinierende Geschichte.

lagarfljot04Gelb: mein Arbeitsort. Rote Linie bezeichnet die bis Anfang des 20. Jahrhunderts existierende Mündung.

Wenn Otto Wathne an der Mündung des Lagarfljót vorbeisegelte, träumte er davon, seine Waren per Schiff ein Stück weit den Lagarfljót hinaufsenden zu können. Der gebürtige Norweger war mit 26 Jahren nach Seyðisfjörður gekommen und hatte mit Heringshandel ein Vermögen erworben. Zwar hatte Seyðisfjörður einen sicheren Hafen, doch mussten von dort aus alle Güter per Pferd über den gefahrvollen Pass der Fjarðarheiði ins Land gebracht werden.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1890 hatte Guðmundur Jónsson, Gemeindevorsteher und Bauer auf Húsey, keine Gelegenheit zu träumen. Er ruderte aufs Meer hinaus zu dem betagten Segelschiff Geskea, das vor dem Ósinn, der Mündung des Lagarfljót, lag. Mit ein paar herbeigeholten Nachbarn half er der zehnköpfigen Crew und dem eifrig mitarbeitenden Otto Wathne, das Schiff mithilfe eines Schleppankers in den Ósinn zu ziehen.

Doch die schwerbeladene Geskea lief dabei auf den sandigen Grund, wurde in der folgenden Nacht von der Strömung gedreht und lag am nächsten Morgen leckgeschlagen „wie ein Fels“ vor dem Fluss, berichtete Guðmundur. Eilig transportierte man die Waren mit Ruderbooten ab und rettete das Bauholz, bevor sich die Geskea endgültig zur Seite neigte.

otto_wathneOtto Wathne.

Einen erfolgreicheren Versuch unternahm Otto Wathne 1895 mit seinem Dampfschiff Vågen, von dem aus er ein Dampfboot mit einem Lastkahn den Lagarfljót bis Hóll hinaufschickte. „Der Lagarfljót ist schiffbar“, jubelte Ostisland.

Doch als 1898 das Herz des 55-Jährigen an Bord der Vågen versagte, setzte man ihm in Seyðisfjörður zwar ein Monument, trug aber auch seinen Traum zu Grabe.

Sechs Jahre später notierte der deutsche Islandreisende Paul Herrmann: Der Lagarfljót „ist in seinem obern Laufe so tief, dass es von größeren Schiffen befahren werden könnte, aber zunächst dem Meere ist eine längere Reihe von Kaskaden und Fällen, die Mündung ist versandet und ohne Hafen ...“

Um 1910, berichtet mir Örn, führte der Fluss wenig Wasser und ein starker Nordostwind häufte den Sand auf. Zweimal schaufelten die Bauern die Mündung frei. Schließlich ließen sie dem Fluss seinen Lauf, der weiter nordwestlich einen neuen Ausgang suchte und – in Anlehnung an den Nachbarfluss Jökulsá á Brú – fand. Gemeinsam flossen sie in der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts etwa aus der Mitte des breiten Jökulsá-Bettes ins Meer.

lagarfljot07_bvDie Netze vor Húsey belegen: Der Fischbestand im Lagarfljót ist dramatisch zurückgegangen.

Alles ging gut bis zum Bau des Kárahnjúkar-Staudamms. Das gesamte Wasser vom Gletscher Brúarjökull, das die Jökulsá speiste, wurde nun aufgestaut und in den Lagarfljót umgeleitet. Die zusätzlichen Mengen an Sedimenten führten dazu, dass der See, zu dem sich der Lagarfljót im Fljótsdal verbreitert, seine klaren Farben verlor, und sich inzwischen so getrübt hat, dass Fische in ihm nicht mehr existieren können. „Der Lagarfljót ist tot“, lauten die Schlagzeilen seit zwei Jahren.

Im trüben See schlägt der legendäre Seewurm Lagarfljótsormurinn noch ab und an Wellen, doch die Mündung des Lagarfljóts wird von den modernen Staudamm-Monstern bewegt.

Das künstlich geschaffene Ungleichgewicht der Flüsse Jökulsá und Langarfljót führt dazu, dass die gemeinsame Mündung in dramatischem Tempo weiter nach Nordwesten driftet. 2006 lag sie bereits außerhalb des breiten Bettes der Jökulsá.

lagarfljot05Die Karte (von ca. 2006) zeigt die Mündung von Jökulsá und Lagarfljót, die inzwischen etwa drei Kilometer weiter nach Nordwesten gedriftet ist. Eingetragen sind die Verschiebungen der Lagarfljót-Mündung seit Ende des 19. Jhds.

In den letzten sieben Jahren ist die Mündung etwa drei Kilometer weit gewandert, jede Woche über acht Meter. Der Weg ins Meer wird immer länger, die Sanddämme im Héraðsflói immer größer. Der Lagarfljót drückt an seinem Knick nach Nordwesten weiter aufs Land und spuckt hier sein Frühjahrshochwasser aus.

Schon seit langem fordert Örn, dem Lagarfljót zu helfen, eine seiner historischen Mündungen wieder nutzen zu können, oder notfalls die gegenwärtige Mündung zu verbreitern.

Der staatliche Energieversorger Landsvirkjun hat das Desaster verursacht. Den Schaden hat das Land, den Nutzen allein der US-Konzern Alcoa, dessen Aluminiumschmelze im Reyðarfjörður den ganzen aus der Wasserkraft der Gletscherströme erzeugten Strom verschlingt.

Eine Umweltkommission von Landsvirkjun prüfte nun nach Jahren der Untätigkeit, wie man den Schaden begrenzen könne und stellte am Freitag, den 6. September, ihre Planungen auf einer Einwohnerversammlung in Egilsstaðir vor.

Zwar lässt sich kurzfristig die separate Mündung des Lagarfljóts (auf der Karte: 1890) nicht wieder herstellen, da die Strecke, die aufgebaggert werden müsste, 1,8 Kilometer beträgt. Doch im November sollen Bagger anrücken, um die Mündung am Beginn des Zusammenflusses von Jökulsá und Lagarfljót (auf der Karte: 1920) wieder zu öffnen.

Örn sagt zu diesen Plänen: „Ich bin damit einverstanden und hoffe, dass dadurch viel Land gerettet werden kann".

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

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