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bernhild_dlAuch wenn viele Touristen das Landesinnere lieber per Jeep „erfahren“ – isländische Hochlandwanderungen sind nach wie vor populär.  more

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KULTURBLICK
16/12/2011 | 15:16

Grusel in der Silvesternacht

gardurinnAuf isländisch heißt das Buch „Garðurinn“. Doch es geht darin nicht um einen normalen Garten, sondern um einen kirkjugarður („Kirchgarten“), also einen Friedhof.

Abschiednehmen ist für Kinder und Jugendliche besonders schwer und in Gerður Kristnýs Jugendroman, dessen deutscher Titel „Die letzte Nacht des Jahres“ lautet, ist von vielen Trennungen die Rede. Zu Beginn ein Umzug, weg von Freund und Freundinnen in ein anderes Stadtviertel, in eine neue Schule.

Die vierzehnjährige Eyja ist im Gegensatz zur gleichaltrigen „Rotzgöre“ Hugrún Lind aus Kristín Marja Baldursdottirs Roman „Sterneneis“ ein braves Mädchen. Beide sind Einzelkinder, doch Eyjas Eltern leben nicht getrennt und nehmen sich viel Zeit für ihre Tochter.

Eyja liebt klassische Musik, spielt schon gut auf der Querflöte und übt diszipliniert. Sie schwärmt nicht für Popstars, sondern für eine koreanische Flötenspielerin.

Die Familie ist in die „Lichtfeldstraße“ (Ljósvallagata) im zentrumsnahen Reykjavíker Stadtteil „alte Weststadt“ (Gamli Vesturbær) gezogen. Eyja hat ihr neues Zimmer schnell eingerichtet. Doch der Ausblick aus ihrem Fenster direkt auf den „Hügelfriedhof“ (Hólavallagarður, oft auch als Friedhof an der Suðurgata bezeichnet) missfällt ihr. Sie gruselt sich vor Toten.

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Der Friedhof Hólavallagarður im Sommer. Foto: bv.

Wo ein Friedhof ist, sind in einer Gruselgeschichte (im Klappentext heißt das „gothic novel“) Geister und Untote nicht fern. Insbesondere Wiedergänger haben in Island eine lange Tradition. In der „Saga von den Leuten auf Eyr“ und anderen isländischen Sagas treiben sie ihren Spuk und die Welt der Volkssagen ist voll von ihnen.

„Regelmäßig sind die aptrgöngur Leute, welche an den guten Dingen dieser Welt so sehr hängen, dass sie sich von ihnen nicht völlig trennen konnten, oder auch bösartige und rachbegierige Leute, welche Menschen die sie im Leben gehasst hatten noch nach ihrem Tode Schaden zu tun suchen“, schrieb Konrad Maurer in seinem 1860 erschienenen Werk „Isländische Volkssagen der Gegenwart“ über die Wiedergänger.

Er verwies darauf, dass die isländischen Gespenster nicht etwa bloße Erscheinungen sind, sondern sich materialisieren: „Jederzeit zeigen sich die Gespenster í mannslíki, d.h. in menschlicher Gestalt.“ Auf diesem Hintergrund schafft Gerður eine ganz eigene Gespensterwelt, die auch bei Erwachsenen Gänsehaut hervorrufen kann.

Die Geschichte nimmt kurz Bezug auf den Spiritismus, der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Island boomte. 

Ich werde neugierig und stoße auf den Bauernsohn Indriði Indriðason, dessen mediale Fähigkeiten der Schriftsteller Einar Hjörleifsson Kvaran 1905 entdeckt hatte. Kvarans „Experimental-Gesellschaft“ stellte Indriði als Medium an und hielt mehrere Jahre lang spiritistische Sitzungen mit ihm ab. Indriði wurde darüber depressiv und starb 1912 im Alter von 29 Jahren an den Folgen einer Typhusinfektion.

Einar Kvaran rief 1918 die spiritistische Gesellschaft „Sálarrannsóknarfélag“ (Seelenerforschungsgesellschaft) ins Leben. Der zu Ende gehende Erste Weltkrieg und die einsetzende Spanische Grippe waren ein idealer Nährboden für okkulte und spiritistische Ideen.

Doch zurück zu „Die letzte Nacht des Jahres“: Eyjas Vater Helgi ist Geschichtslehrer und möchte ein Buch über die Spanische Grippe schreiben.

Diese Influenza, an der weltweit 25 bis 50 Millionen Menschen starben, erreichte im November 1918 Island. 260 Menschen erlagen allein in Reykjavík, das damals erst 15.000 Einwohner zählte, dem aggressiven Virus.

„Mein Vater sagt, die Geschichtswissenschaft sei unsere Methode, um mit den Toten zu reden,“ erzählt Eyja ihrem neuen Freund Sölvi, in dessen Begleitung sie sich sogar auf den Friedhof wagt. Doch das Wichtigste für sie ist, hinter das Geheimnis des Stuhles zu kommen, der das Leben ihres Vaters bedroht.

Helgi hält den alten Lehnstuhl, den er in einem Antiquitätenladen erworben hat, für ein wahres Schnäppchen. In seinem Rahmen entdeckt er sogar versteckte Briefe aus dem Jahre 1918. Aber Eyja ist der Stuhl von Anfang an unheimlich. Und als der Vater immer kränker wird und schließlich im Krankenhaus ins Koma fällt, führt sie das auf die unheilvolle Ausstrahlung des Stuhles zurück.

Zwischendurch, zur Erholung von zu viel Spannung, geht es um das normale Leben, die neue Schule, um Klassenkameradinnen, Klingeltöne und den Flötenunterricht.

Wie jedes gute Kinder- und Jugendbuch macht „Die letzte Nacht des Jahres“, das 2010 den westnordischen Literaturpreis gewann, auch Erwachsenen Spaß. Zumal nicht alles aufgelöst wird und man weiter herumrätseln kann.

Nur eines muss ich kritisch anmerken: Eyja müsste eigentlich sofort erkennen, dass ein Mann, der vor 90 Jahren bereits verheiratet war, nicht mehr unter den Lebenden weilen kann. Selbst in Island mit seiner hohen Lebenserwartung nicht.

Immer wieder treffen wir auf poetische Bilder wie „ein Himmel aus grauer Wolle“, die darauf verweisen, dass Gerður nicht nur Romane sondern auch Lyrik schreibt.

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Gerður Kristný auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: bv.

Bei der Abschlussveranstaltung von Sagenhaftes Island auf der Frankfurter Buchmesse, auf der Island die Gastrolle an den neuen Ehrengast Neuseeland übergab, hat Gerður aus ihrem Lyrikband Blódhófnir (Bluthuf) vorgelesen. Sie setzt sich darin mit dem eddischen Lied Skírnismál auseinander: Skírnir entführt im Auftrag des liebeskranken Gottes Freyr die Riesin Gerður – für Gerður Kristný ein Fall von brutalem Frauenraub.

„Skírnir“ ist auch der Name der Zeitschrift der isländischen Literaturgesellschaft, die seit 1827 erscheint. Der Schriftsteller und Spiritist Einar Kvaran war mehrere Jahre lang ihr Redakteur – ich könnte mir gut vorstellen, dass diese assoziative Verbindung von Mythologie, Literatur, Spanischer Grippe und Spiritismus Gerður zu ihrem Jugendroman inspiriert hat.

Sie liest furchtlosen isländischen Kindern ab zehn Jahre aus dem Gruselbuch vor, der isländische Verlag gibt das Mindestalter mit elf Jahren an und Bloomsbury empfiehlt „Die letzte Nacht des Jahres“ ab zwölf. Ich schließe mich letzterem an –  meiner elfjährigen Enkeltochter möchte ich es dieses Jahr noch nicht zu Weihnachten schenken.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net    
www.birdstage.net

Gerður Kristný: Die letzte Nacht des Jahres
Deutsch von Karl-Ludwig Wetzig
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher
176 Seiten 14,90 Euro

Auf den Seiten von Sagenhaftes Island finden Sie Näheres über Autorin und Werk, ein Portrait und das Video von einer Autorenlesung in Gljúfrasteinn.


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