Bjarni und der Abenteuertunnel (bv)

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bernhild_dlBjarni, der Busfahrer, pflegt seiner Verwunderung durch ein wohltönendes „já, já“ Ausdruck zu verleihen. Doch schon lange wundert er sich nicht mehr über die verrückte Ausländerin, die sich etwa einmal pro Jahr durch den Skagafjord kutschieren lässt – wenn sie es nicht gerade mal vorzieht, zu Fuss zu gehen.

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N1-Restaurant in Varmahlid, Foto: bv.

Im Tankstellenrestaurant von Varmahlíd warten wir auf die Ankunft des Busses aus Reykjavík. Weil ich noch kein Fahrziel genannt habe, sieht Bjarni mich fragend an. Englisch ist nicht gerade seine Stärke. Ich werfe einen Blick auf die Wand, wo seit Jahren deutsche Touristen mit dem schönen Spruch „Deine Abenteuer erwarten“ umworben werden.

Ich bin erkältet, matt und entschlusslos. Das Gästehaus Lónkot ist zu dieser Jahreszeit keine Option; da schlummert es von Geistern und Menschen verlassen vor sich hin. Der Sonnenschein lockt, den wohlbekannten Ort Hofsós aufzusuchen. Doch die Abenteuer erwarten etwas anderes.

Während Bjarni seinen Kaffee schlürft – nie hat er Eile, kennt keine Hektik – werden die Abenteuer deutlicher. Draussen fahren zwei Häuser vorbei.

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Umzug der Sommerhäuser, Varmahlid, Foto: bv.

Zwei Häuser weiter? Was meint Ihr damit, werte Abenteuer? Hinter Lónkot und ein paar Bauernhöfen ist der Skagafjord zu Ende. Dann kommt wohl nur noch der nördlichste Fjord Islands, sonnenlos bis Ende Januar, hat man mir gesagt.

„Es ist bereits Februar!“, meckert es von der Wand herab. Die Abenteuer nerven!

„Dann eben Siglufjördur“, gebe ich nach. „Siglufjördur?“ fragt Bjarni zurück. „Já, Siglufjördur.“ So geht es ein paar Mal hin und her, doch ein verwundertes jaujau bleibt diesmal aus.

Der Bus aus Reykjavík ist da; Bjarni läd Kartons und Koffer um und verstaut auch meinen Rucksack. Ich erinnere mich gerne an meine erste Fahrt mit „Jaujau“, wie ich ihn nannte, als ich seinen Namen noch nicht kannte.

Es hatte mich Überwindung gekostet, mein Gepäck im weiterfahrenden Bus zurückzulassen. Nachdem ich das Museumsgehöft Glaumbaer ausgiebig besichtigt hatte, sammelte mich Bjarni auf seiner zweiten Tour von Varmahlíd nach Saudárkrókur wieder ein. Seitdem vertraue ich ihm blindlings.

Oft schon war ich Bjarnis einziger Fahrgast. Doch es ist Freitag und der Kleinbus füllt sich. Zwei ältere Damen nehmen neben mir Platz, in Saudárkrókur steigen weitere Fahrgäste zu.

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Strasse 76, Mai 2009, Foto: bv.

Der Schnee, der gestern Abend gefallen ist, hat offensichtlich den Einsatz des Schneepfluges nicht gelohnt. Die schmale Strasse Nr. 76 sieht stellenweise etwas glatt aus. Das beirrt Bjarni nicht, der dreimal in der Woche von Saudárkrókur nach Siglufjördur fährt, und das sicher schon seit Jahrzehnten.

Er telefoniert nebenbei, unterhält sich mit den Fahrgästen und kümmert sich um den behinderten jungen Mann, der auf dem Beifahrersitz Platz nehmen durfte.

Zwischen Berg und Meer geht es steil rauf und runter. Mir wird mulmig zumute und ich muss mir immer wieder klar machen: Gegenwärtig besteht nicht die geringste Steinschlag- oder Lavinengefahr.

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Tröllaskagi, Foto: bv.

Rechts oben eine rote Schutzhütte am Berg. Links unten am Ufer ein bizarr orange-roter Bau mit Zinnen. Kirche, Schloss, Truggebilde? Vorbei. Erst später finde ich heraus: Es war der Leuchtturm von Saudanes.

Bjarni bremst. Der Bus hält. Ich spähe nach vorne, sehe nichts als ein dunkles Mauseloch. Und heraus zwängt sich ein weisses Ungetüm. Es passiert uns brummend und schnaubend. Dann fährt uns Bjarni tatsächlich in dieses Einwegloch, das mir ausweglos erscheint.

Es ist schummrig, aber man kann deutlich erkennen, wie eng es hier ist. Ich bekämpfe das aufkommende Panikgefühl und den Gedanken an ein zweites entgegenkommendes Ungetüm. Meine Abenteuer, die stumm wie Fledermäuse in den dunklen Tunnelecken hocken, erwarten von mir Tapferkeit.

IR-Redakteurin Eygló lachte hellauf, als ich ihr davon berichtete „Ja, ja, der Strákagöng. Es gibt einige einspurige Tunnels in Island, vor allem in den West- und Ostfjorden. War das nicht komisch, wie sich der ADAC über den Hvalfjördurtunnel aufgeregt hat, der immerhin zweispurig ist?“

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"Auf der Karte sah er grösser aus", Zeichnung von Katharine Kroeber.

Eygló hat dann auch gleich mein Tunnelabenteuer in ihre Kolumne Mountains and Molehills im englischsprachigen „Daily Life“ eingebaut. Dies wiederum fand Katharine Kroeber aus Massachusetts so lustig, dass sie ihrem Leserbrief als P.S. eine Zeichnung beifügte und dazuschrieb: „Liebe Eygló, vielleicht gefällt das Ihrer deutschen Bekannten.“

Ja, liebe Katharine, Ihre Zeichung gefällt mir ausgezeichnet und ich glaube, alle Leser werden herzlich darüber lachen.

Auch der schmale Strákagöng wird sich geehrt fühlen, denn er steht seit letztem Herbst im Schatten seines gross- äh, zweispurigen Bruders. Der neue, elf Kilometer lange Hédinsfjardargöng verbindet Siglufjördur nach Osten hin mit Ólafsfjördur und dem Eyjafjord.

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Der neue Tunnel Hédinsfjardargöng, Foto: bv.

Strákagöng heisst übersetzt Jungentunnel oder Knabengang. In der Tat, der Tunnel ist nicht nur schmal, sondern auch – mit knapp einem Kilometer – erfreulich kurz.

Er ist und bleibt die einzige Verbindung zwischen Siglufjördur und dem Skagafjord, wenn man nicht tagelang über die wilden Berge der Trollhalbinsel wandern will. Und es ist Bjarni, der diese Verbindung verlässlich aufrechterhält.

Selbstverständlich hat er mich direkt vor einer Herberge in Siglufjördur abgesetzt und mir so das „Abenteuer“ der Unterkunftsuche erspart. Doch wie es mit den Abenteuern im nördlichsten Städtchen Islands weiterging, darüber berichte ich das nächste Mal.

Bernhild Vögel

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