Musizieren mit der musikalischen Maus

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Musizieren mit der musikalischen Maus

maximus2_01Die sechsjährige Sunna strahlt und blättert in dem Heft: „Oh, Maxímús Músíkús! Kann ich das alles ausmalen?“ Sunna und viele Kindergarten- und Schulkinder aus Selfoss kennen den musikalischen Mäuserich nicht nur aus den Büchern, sondern bereits persönlich.

„Es war eine tolle Veranstaltung. Hallfrídur hat vorgelesen, Musikschüler haben dazu gespielt und dann, ganz zum Schluss, trat Maxímús Músíkús persönlich auf. Da war die Freude riesengross“, berichtet mir Sunnas Mutter.

Hallfrídur (genannt Haffí) Ólafsdóttir hatte in Selfoss ihr zweites Buch vorgestellt: „Maxímús Músíkús entdeckt die Musikschule“.

Maxímús, der im ersten Band dem Symphonieorchester lauscht, macht im zweiten Band in der Handtasche der Geigerin einen Ausflug in die Musikschule, lernt ein Klavier und Blockflöten kennen, sucht nach einer verschwundenen Amsel und erfährt, dass auch Kinder auf Instrumenten spielen und wunderbare Musik machen können.

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Kinderbuchausstellung im Sláturhúsid, Egilsstadir. Foto: bv.

Ich war bei meiner Islandreise im Mai bereits in Egilsstadir auf die Spuren von Maxímús gestossen. Der unerschrockene kleine Kerl hatte sich sogar ins ehemalige Schlachthaus gewagt.

Im Sláturhúsid, dem Kulturzentrum der ostisländischen Metropole, gab es eine Ausstellung über neuerschienene Kinderbücher, und ich konnte einige Originale der zarten und schwungvollen Maxímús-Illustrationen von Thórarinn Már Baldursson bewundern.

Das Ausmalheft „Maxímús Músíkús zieht in die Harpa“, das ich Sunna mitgebracht hatte, aber gab es am Bücherstand in der Harpa, der neuen Konzerthalle in Reykjavík, in der ich mich mit Haffí verabredet hatte.

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Maximus' Ecke in der Harpa. Foto: bv.

Sie zeigte mir einiges vom Inneren des riesigen Gebäudes. Die Treppenhäuser mit dem Hafenblick. Die verspiegelten Deckenwaben. Den schwarzen Kammermusiksaal. Er erinnert mich an einen allzu nüchternen Unihörsaal. Doch spielt das eine Rolle, wenn das Licht auf die Musiker fokussiert und die Instrumente erklingen?

„Und Maxímús?“, fragte ich. Bereits 3.000 Kinder und Eltern hatten ihn Mitte Mai in der Harpa erlebt und er ist offiziell schon eingezogen. Ganz fertig eingerichtet ist seine Ecke noch nicht, doch bald ist es soweit, da ist sich Haffí sicher. Denn Maxímús Músíkús ist nicht irgendein Maskottchen, er ist ein prominentes Orchestermitglied.

Mit und ohne seine fünf Akzentzeichen ist er inzwischen auch international bekannt. Die Bücher sind in mehrere Sprachen übersetzt und das von Hallfrídur Ólafsdóttir entwickelte Konzertpaket ermöglicht jedem Orchester auf der Welt, das Konzert mit Maxímús Músíkús aufzuführen.

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Hallfrídur Ólafsdóttir und Maxímús in der Harpa. Fotomontage: bv.

Während die deutschen Kinderbuchverlage bislang wenig Interesse an isländischen Kinderbüchern zeigten, hat der Musikverlag Schott mutig zugegriffen. Die zwei Bände über die musikalische Maus sind bereits auf Deutsch erschienen. Der dritte Band, an dem Haffí gerade arbeitet, wird zeitgleich in Island und in Deutschland herauskommen.

Ich frage Haffí, wie sie das alles schafft – Job, Familie und dazu noch solch ein grosses Projekt. Hallfrídur Ólafsdóttir ist erste Flötistin im isländischen Symphonieorchester und hat zwei Kinder.

Ihre spontane Antwort: „Mein Haushalt ist chaotisch und kochen tut mein Mann!“ Nachdem wir ausgiebig über diesen Satz gelacht haben, verrät sie mir ihr Geheimrezept: „Wenn ich an etwas arbeite, versuche ich, nicht an andere Dinge zu denken oder mir darüber Sorgen zu machen, selbst wenn es etwas ist, das dringend erledigt werden muss.“

Und so entstehen Maxís Abenteuer überwiegend nachts, wenn die Kinder schlafen und kein Telefon mehr klingelt.

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Hafenspiegelungen auf der Harpa. Foto: bv.

Eine Woche nach dem Treffen mit Haffí besuchte ich die Harpa noch einmal. Diesmal mit einer Eintrittskarte für das Mahler-Fest.

1.600 Sitzplätze hat der rote „Feuer“saal Eldborg. Von meinem Platz im zweiten Rang konnte ich Haffí und ihre Flöte noch gut erkennen. Nur bei Thórarinn Már Baldursson, dem Bratschisten, der die Maxímús-Bücher so zauberhaft illustriert hat, war ich mir nicht sicher. Das Isländische Symphonieorchester liess sich von Markus Poschner dirigieren.

Maxímús Músíkús hat sicherlich vor Rührung geweint: Die schwedische Sängerin Camilla Tilling begann mit dem Lied „Das irdische Leben“ aus dem Zyklus „Des Knaben Wunderhorn“: „Mutter, ach Mutter, es hungert mich. Gib mir Brot, sonst sterbe ich … Und als das Brot gebacken war, lag das Kind auf der Totenbahr!“

Im zweiten Teil des Konzertes erklang die 4. Symphonie von Gustav Mahler. Für mich war es ein faszinierendes, aber nicht einfaches Hörerlebnis. Mit der Spätromantik und der Neuen Musik tue ich mich immer noch etwas schwer.

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Konzertpause in der Harpa, Foto: bv.

Es ist wichtig, Kinder spielerisch mit klassischer Musik bekannt zu machen. Aber sollen sie nur leichte Kost geniessen? Auf der CD zu „Maximus besucht das Symphonieorchester“ werden sie auch an Beethoven und Copland herangeführt.

Im Buch „Maximus Musikus besucht die Musikschule“ proben die Kinder für unbeschwerte Stücke wie die Spielzeugsymphonie (Kindersymphonie), die inzwischen nicht mehr Mozart oder Haydn, sondern dem österreichischen Benediktinerpater Edmund Angerer zugeschrieben wird.

Auf der dem Buch beiliegenden CD finden sich auch Stücke von Praetorius, Haydn, Brahms, Popper, das von Jón Leifs bearbeitete isländische Volkslied Dýravísur und natürlich Maxís Lied. Zu Beginn wird es von der Hannoveraner Musikerin Vera Mohrs gesungen und zum Schluss lädt Haffís Mäuseband noch einmal zum kräftigen Mitsingen ein.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 

www.birdstage.net

Maximus Musikus entdeckt die Musikschule. Autorin: Hallfrídur Ólafsdóttir, Illustration: Thórarinn Már Baldursson. Das Buch mit CD ist bei Schott erschienen und kostet 19,99 €

Hier finden Sie eine Besprechung des ersten Bandes. „Maximus Musikus besucht das Orchester“ und hier gibt es Informationen zur Videospielversion.

Hallfrídur Ólafsdóttir ist Autorin des Monats auf der Internetseite von Sagenhaftes Island und Maxímus Músíkús hat seine eigene englischsprachige Homepage.

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