Vampire im Schlachthaus (bv)

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bernhild_dlErwartungsvoll eilt man frühmorgens an Deck, um Island aus dem Meer auftauchen zu sehen. Und glotzt dann fassungslos auf undurchdringlichen Seenebel. Selbst die Fjordufer zeichnen sich nur schemenhaft ab. Da fühlt man sich betrogen wie ein Vampir, dem ein ganzes Schlachthaus versprochen ward – nur leider ist es längst stillgelegt.

Kalter Niesel im Fjord. Die bunten Holzhäuser von Seydisfjördur triefen vor Nässe. Manche sind schlicht, manche kunstvoll verziert. Zur Zeit des Heringsbooms kamen sie in Bausätzen aus Norwegen und mussten nur noch zusammengesetzt werden – Prinzip Ikea schon vor hundert Jahren.

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An Bord der Fähre Norröna, kurz vor der Einfahrt in den Seydisfjördur.

Ein Haus, das Skaftfell, fällt besonders auf, es ist grösser und hat zwei Obergeschosse. An solch einem vernieselten und vernebelten Tage ist es ein guter Zufluchtsort.

Im Erdgeschoss befindet sich ein Café/Bistro und hier hing ich meine durchnässte Jacke an den Haken, zog einen Bildband aus dem Bücherregal und fing an, bei Kaffee und Blaubeerskyrtorte das Werk des Deutschschweizer Künstlers Dieter Roth (1930-1998) zu studieren.

Das Skaftfell ist in erster Linie Kunstzentrum und Künstlerresidenz – gegründet 1998 in Erinnerung an Dieter Roth, der viele Jahre in Island lebte und in seinem letzten Lebensjahrzehnt auch in Seydisfjördur gewohnt und gearbeitet hat.

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Kulturzentrum Skaftfell in Seydisfjördur.

Ich wusste nicht viel über diesen Aktionskünstler, der wie Joseph Beuys auch gern mit leicht verderblichen Materialien experimentierte und der wie besessen schrieb. Ein Beispiel aus  „Tränenmeer“:

„In diesem Buch stehe gedruckt nur eines: Blödsinn, Brabbel, Mist und Unsinn, dazu schamloses Gebaren mit Zähneausreissen und obendrein noch doppelter Unsinn, Mist, Blödsinn, Untergang, Knochensäge nicht, doch federnder Draht knitterer...“

Zu sehr wollte ich mich nicht in diesen Tief- und Unsinn vertiefen und auch ein virtueller Gang durch das Schimmelmuseum, das der Künstler klugerweise nicht in Island, sondern in Hamburg eingerichtet hatte, musste warten, bis ich wieder in Deutschland war.

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Seydisfjördur an einem Regentag.

In der Galerie über dem Bistro werden gegenwärtig Erinnerungen der Bewohner von Seydisfjördur vorgestellt. Das Video-Projekt Frásagnasafnid (Geschichtensammlung), das bis Ende 2012 läuft, wurde angeregt von Christoph Büchel, einem Schweizer Konzeptkünstler, der nun für zwei Jahre Direktor des Skaftfell ist.

Erinnerungswerke zu initiieren, das ist eigentlich das Metier anderer Künstler. Büschel ist bisher eher bekannt für verstörende Installationen und als „Freund fieser Scherze“, der es versteht „den Kunstbetrieb erfolgreich zu nerven“, wie es so schön bei Wikipedia heisst.

Spannend ist ein solches Projekt, das erst – ganz ungekünstelt – durch Nichtkünstler zum Leben erweckt werden muss. Schauen Sie in die Galerie hoch, auch wenn Sie kein Wort Isländisch verstehen, das entstehende Werk präsentiert sich über Video- und Fotoaufnahmen ja auch visuell.

In Ostisland veranstaltet man Kultur nicht unbedingt für die Touristen, die für wenige Wochen im Jahr einfallen. Ganz besonders gilt das für Egilsstadir, die nüchterne Metropole Ostislands, in der Reisende meist nur zu Versorgungszwecken Halt machen.

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Halldór Warén, der Leiter des Sláturhúsid in Egilsstadir.

Doch den „Schlachthausdirektor“ Halldór Warén freut es, wenn sich Auswärtige in das Sláturhúsid verirren, in das ehemalige Schlachthaus, das nun Kulturzentrum ist. Theater, Tanz, Disco, Ausstellungen, Konzerte und Kinovorführungen finden hier statt, es gibt ein Tonstudio und eine Künstlerwohnung.

Im Ausstellungsraum linker Hand sind die Wände russgeschwärzt. Der ehemalige  Räucherraum lässt sich noch riechen. Hier sah ich im Frühjahr die beeindruckende Ausstellung „List án Landamaera“ (Kunst ohne Grenzen). Behinderte Künstler präsentieren alljährlich ihre Werke in mehreren über das Land verteilten Ausstellungen.

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Ausstellungsraum im Sláturhúsid.

Im Obergeschoss, in der ehemaligen Fleischverarbeitung und dem Kühlraum, betrachtete ich Illustrationen aus den neuesten Kinderbüchern. Der parallele Blick auf Fleischhaken und Kühlaggregate war etwas gewöhnungsbedürftig, aber wohl nur für mich. Im Parterre fanden gerade Vorbereitungen für einen Kindergeburtstag statt.

Das Schlachthaus wurde 1958 gebaut, und ist damit eines der ältesten Gebäude der jungen Stadt. In den 1990er Jahren wurde es erweitert und 2002 bekam es seine moderne Aussenfassade. Doch schon ein Jahr später wurde der Schlachtbetrieb eingestellt. „Zuletzt wurden hier nur noch Rentiere geschlachtet“, erzählt Halldór, während er mir eine Tasse Kaffee braut.

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Die Modedesignerin Jóna Björt Fridriksdóttir.

Mit Rentieren komme ich hautnah in Berührung, denn Jóna öffnet im ersten Stock die Tür zu ihrem Atelier. Jóna Björt Fridriksdóttir ist eine junge Modedesignerin, deren Lieblingsmaterial Rentierleder ist.

Im vergangenen November nutzte sie die „Festtage der Dunkelheit“, um eine Drakula-Modenshow zu veranstalten. Stolz zeigt sie mir den Zeitungsbericht mit der Überschrift „Vampírur í Sláturhúsinu“, die ich wohl nicht zu übersetzen brauche.

Zur Enttäuschung aller Vampire (die sich allerdings in Island nicht heimisch fühlen) wurden 2006 die Weichen dafür gestellt, dass in diesen Hallen kein Blut mehr fliesst. Nach und nach wurden die Räume für den Kulturbetrieb der grossflächigen Gemeinde Fljótsdalshérad nutzbar gemacht.

Videoinstallationen sind hier während des jährlichen Festivals für Experimentalfilme und Videos 700IS Hreindýraland zu sehen, und gegenwärtig finden im Sláturhúsid und im Skaftfell Polnische Filmtage statt.

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Sláturhúsid von aussen: Grünes Licht fürs Fassadengedicht.

Äusserlich ist das Kulturzentrum kaum zu erkennen, denn auch Banken, Tankstellen und andere nüchterne Zweckbauten schmücken in Egilsstadir ihre Fassaden mit Gedichten, meist in der traditionellen Form von lausavísur (Vierzeilern).

Das Projekt „Poesiestadt Egilsstadir“ zeigt gegenwärtig Verse von Hákon Adalsteinsson, einem ostisländischen Poeten, der seinen Lebensunterhalt als Fahrlehrer, Polizist und Waldbauer bestritt und der 2009 in Egilsstadir gestorben ist.

Vampire fühlen sich wie gesagt in Island nicht so recht wohl. Ab und zu versucht es ein Kleinvampir der Spezies Ledurblaka.

Doch das Exemplar, das letztes Jahr als blinder Passagier auf  dem Frachter Arnafell zu den Westmännerinseln gelangte, überlebte die Käfighaltung im dortigen naturkundlichen Museum trotz bester Pflege nicht lange.

Der tiefgefrorene Leib, der in Reykjavík wissenschaftlich untersucht werden sollte, ist seltsamerweise dort nie eingetroffen...

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net

www.birdstage.net

Hier finden Sie einen weiteren Mein-Island-Bericht zu Egilsstadir und dieser Kulturblick-Artikel befasst sich mit der CD „Leben im Fisch“, Kristín Steinsdóttirs Erinnerungen an ihre Kindheit in Seydisfjördur.

Und machen Sie ruhig mal einen virtuelllen Rundgang durch Roths Schimmelmuseum.

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