Klar Kopf (DT)

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dagmar02_dlEs hätte nur wenig gegeben, was an diesem öden Tag nach dem langen isländischen Dauer-Feier-Wochenende Verslumannahelgi im Dauerregen plus Besuchs-Abschiedsschmerz mental wieder auf die Beine bringt. Der Anruf einer Freundin, wie es mit einer Bootstour aussehen würde, kam da genau richtig und man fragt nicht mal, um was für ein Boot es sich handelt: Das Wasser in Island gibt Kraft, Energie und klärt den Kopf besser als jeder weibliche Frustkauf.

Schon der Anblick vor dem Boot von Iceland Riverjet besänftigte das weibliche Auge: Der nette Pilot war nämlich die erste Praline unserer Reise. Kato stammt aus Norwegen und scheint mit Flusswasser verheiratet zu sein (leider). Ursprünglich aus dem Rafting-Gewerbe kommend entdeckte er in Neuseeland seine Leidenschaft für Schnellboote und hat nach langen Reisejahren auf der südisländischen Hvítá (weisser Fluss) „seinen“ Fluss gefunden. Bei 80 Meilen pro Stunde hilft er nun Touristen, die versteckten Schätze der Hvítá zu heben, die von keiner Strasse aus zu sehen sind.

Ich war mir nicht ganz sicher, was uns erwarten würde, und als er mir einen wattierten Overall, Sicherheitsweste und Schutzhelm reicht, dachte ich kurz über einen Rückzieher nach …

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Dann war es nur noch Spass, sich in die unförmigen Klamotten zu packen, die Schutzbrille (sic!) aufzusetzen und in das schnittige Aluminiumboot zu steigen. Kato erklärt, wie man sich festzuhalten hat, was ein spin ist, wie er ihn ankündigt und warum man während eines spin besser nicht fotografiert. Das Kribbeln im Bauch wird heftiger – und dann gibt er Gas, und ich habe im Motorenlärm nur noch ein Wort im Kopf: „danger-seeker“.

Aber mit einem Lächeln, denn alles was er tut, ist souverän, sicher und wohl durchdacht. Und schnell vergisst man, was vielleicht gefährlich sein könnte, denn die vulkanische Uferkulisse raubt einem jeden weiteren Gedanken (der Wind auch, weswegen unsere Verkleidung völlig angebracht ist).

Der Fluss mäandert um dramatische Vulkanklippen mit uralten Gesichtern herum, sprudelt in Stromschnellen sinister vor sich hin, das Boot tanzt hier mit harten Schlägen über die Wasseroberfläche und ich war froh erst nach dem Trip zu erfahren, dass die Hvítá an ihren tiefsten Stellen 15 Meter misst.

An diesem isländisch wild-bewölktem Tag erwarten uns düstere Schluchten, die unvermittelt den Blick auf silbernschimmerndes Wasser und auf die grünen Hügel einer einzigartigen Landschaft freigeben – nach dem Luftanhalten folgt das Atmen und sich frei fühlen, weil wir tatsächlich über das Wasser fliegen. Dazu sprüht uns in Kurven und spins die Gischt ins Gesicht (Schutzbrille!) und immer wieder dreht der Pilot sich um, strahlt uns wie ein kleiner Junge an und fragt, ob das hier Spass macht.

„Die Hvítá ist der ungewöhnlichste Fluss, auf dem ich je gefahren bin,“ sagt er. „Er verändert sich jedes Jahr, weil er unglaublich viel Sand und Geröll mitführt. Nach jeder grossen Flut im Frühjahr müssen wir den Fluss neu lesen.“

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Kato „liest“ seinen Fluss vom Kajak und von einem kleinen Motorboot aus, er beobachtet die Wasseroberfläche, Strömungen, Strudel und stakt unzählige Male mit Messlatten in den Boden, um Untiefen, Sandbänke und Strudellöcher zu finden. Über 300 Stunden hat er so mit Messungen verbracht und kennt in seinem Fluss-Buch nun jeden einzelnen Buchstaben.

Das merkt man sofort, wenn man mit ihm fährt. Keine Kurve ist zufällig gefahren, der Grund für Tempovarianz ist immer auf der Wasseroberfläche zu finden, und wenn Kato mit Vollgas auf majestätische Vulkanfelsen zuschiesst und kurz vorher kess abwendet, kann man den Thrill ruhig auskosten, weil der Mann seine Hausaufgaben gemacht hat.

Der nächste Plan wird schon in die Tat umgesetzt: bald soll es Fahrten bis hinauf zum Gullfoss geben, damit man den berühmten Wasserfall von unten anschauen kann. Viele Lektürefahrten auf dem weissen Fluss sind dafür noch nötig ...

„Der Fluss ist mein Partner,“ erklärt Kato sein isländisches Verhältnis. Das Schnellboot, so glauben wir nach dem Trip, vielleicht noch ein bisschen mehr.

Einen spin kann man übrigens gar nicht fotografieren. Man kann ihn nicht mal beschreiben ohne ihn in Fadheit zu zerlegen. Ein spin gehört zu den Dingen im Leben, wo selbst einer Dame ein Schrei entfährt – und ist daher unbedingt selber auszuprobieren.

Mehr Informationen findet man unter http://www.icelandriverjet.is/

Dagmar Trodler - dagmar.trodler@gmx.de - www.dagmartrodler.de

 

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