Isländersagas im Vorlesetest

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Isländersagas im Vorlesetest

Egill ist hässlich, ein Geizhals und Kotzbrocken. Grettir war in seiner Jugend ein rüpelhafter Halbstarker, der seine Eltern in helle Verzweiflung stürzte.

Und doch bringen die anonymen Sagaschreiber des 13. Jahrhunderts auch den modernen Menschen dazu, Mitgefühl mit dem trauernden Dichter Egill zu entwickeln, an Grettirs tragischem Schicksal Anteil zu nehmen und über so manche komische Episode seines Lebens herzhaft zu lachen.

Die gerade im Fischer-Verlag erschienene fünfbändige Neuübersetzung der Isländersagas wurde in Corvey mit einem Lesefest gefeiert und vorgestellt. Veranstalter war das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe in Zusammenarbeit mit dem Fischer-Verlag und mit „Sagenhaftes Island“, dem Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Die Saga-Ausgabe ist das Herzstück der dieses Jahr so zahlreichen Übersetzungen aus dem Isländischen. „Wir haben keine Ruinen. Unsere Ruinen bestehen aus Wörtern“, sagte Halldór Gudmundsson, Direktor von Sagenhaftes Island zu Beginn der Veranstaltung. „Bildende Kunst und Musik waren bis ins 19. Jahrhundert in Island nicht entwickelt. Wir hatten nur diese Erzähltradition“.

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Hans Jürgen Balmes,  Klaus Böldl und Halldór Gudmundsson stellen die Isändersagas vor.

In Corvey erlebten bis zu 250 Besucher pro Tag – Literaturinteressierte, Fans der vortragenden Schauspieler und natürlich eine Reihe von Islandbegeisterten – die Vorträge und inszenierten Lesungen mit, die von Donnerstag bis Sonntag vergangener Woche abwechselnd im Kaisersaal und dem Westwerk, aber auch in der Barockkirche und im Äbtegang stattfanden.

Ein Drittel der Besucher zählte zum Abonnentenstamm des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe, das insbesondere durch seine Veranstaltungen „Wege durch das Land“ überregional bekannt ist.

Hans Jürgen Balmes vom Fischer-Verlag berichtete über die hervorragende Teamarbeit, mit der 15 Übersetzer die Neuübersetzung der Isländersagas in nur anderthalb Jahren zuwege gebracht haben.

Die fünfbändige Ausgabe löst nicht nur die ideologisch und philologisch verstaubte Thule-Ausgabe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab, sondern stellt die Sagas auch als literarisches Werk in den europäischen Kontext, wie Herausgeber Klaus Böldl hervorhob.

 

Ohne hier auf die Neuausgabe näher einzugehen, lässt sich nach dem Lesefest in Corvey sagen: Die Saga-Ausgabe hat den Vorlesetest voll und ganz bestanden.

Eine Reihe hochkarätiger Schauspielerinnen und Schauspieler ebenso wie Wissenschaftler, Übersetzer und Veranstalter haben dazu beigetragen, dass die Besucher einen tiefen Einblick in Literatur und Geschichte des mittelalterlichen Island sowie zu Aspekten der modernen Rezeption erhielten.

Das Motto der Veranstaltung „Brich nie einen Vergleich“ wurde besonders lebendig, als Hans-Martin Stier die Saga von Hrafnkell Freysgodi vortrug.

Das Althing war die gesetzgebende Versammlung, auf der auch Recht gesprochen wurde – allerdings in etwas anderer Form als heutzutage.

Der rücksichtslose Hrafnkell, der sich seiner Macht so sicher ist, steht plötzlich vor einem dichten Ring von Männern der Gegenpartei, die verhindern, dass er vortreten und etwas zu seiner Verteidigung vorbringen kann. Er wird geächtet, aber die Durchführung der Strafe bleibt, da es keine Exekutive gibt, dem Gewinner überlassen.

So fremd uns diese mittelalterliche Rechtsauffassung auch ist, so vertraut sind uns die Anlässe der Fehden, die im Mittelpunkt der meisten Sagas stehen: Es geht um Macht, Reichtum und Liebe.

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Lasen die Saga der Leute aus dem Laxárdal: Boris Aljinovic, Andrea Sawatzki, Christian Berkel, Matthias Habich und Hans-Martin Stier.

Auf dem Programm der Nachmittags- und Abendveranstaltungen in Corvey standen die mehrstündigen Lesungen der Laxádal-, Grettir- und Njáls-Saga umrahmt von hervorragenden musikalischen Darbietungen.

Natürlich wurden die Sagas für die Lesungen gekürzt und dabei auch von ihren ausführlichen genealogischen Angaben befreit.

Während der starke Grettir von einer zauberkundigen Greisin zu Fall gebracht wird, übernehmen in der Saga von den Leuten aus dem Laxárdal und der Saga von Brennu-Njáll starke Frauen die Regie bzw. beeinflussen das Schicksal der männlichen Helden.

Bauern, die sich als Wikinger fühlen, kämpfen nicht nur mit Schwertern, sondern auch mit Worten. Vordergründig streitet man um Heu, Pferde oder Frauen, tatsächlich aber geht es um die Ehre, die oft schon durch eine einzige Schmähstrophe verletzt werden kann.

Manch Sagaheld stirbt lieber, als mit der Schande zu leben. Und doch muss es zu Formen von Aussöhnung kommen, soll nicht alles in endloser Blutrache enden.

Ob es nur ein Wunschtraum der isländischen Bauern war, vom Aufenthalt an den Höfen der skandinavischen Könige reich beschenkt zurückzukehren, oder ob Skaldenverse und Wikingertaten der Isländer tatsächlich so hochgeschätzt waren wie die Sagas suggerieren, sei dahingestellt.

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Kurt Schier führt in die Saga von Gísli Súrsson ein, die von Angela Winkler und Michael Altmann gelesen wird.

Die vortragende Wissenschaftler wie Vésteinn Ólason, Klaus Böldl und Kurt Schier wiesen darauf hin, dass sich Isländer nicht nur an Raubzügen beteiligten, sondern auch in regem kulturellen Austausch mit dem europäischen Kontinent standen – Einflüsse, die auch in den Sagas erkennbar sind.

Die Isländersagas sind keine Heldensagen, es gibt in ihnen nicht den strahlenden Gutmensch, der gegen das Böse kämpft. Wie in einem modernen Roman zeichnen sie Individuen mit all ihren Ängsten und Schwächen. Und sie spielen an heute noch sichtbaren Schauplätzen. Dies alles hat früher dazu verleitet, die Sagas für historische Berichte zu halten.

Sie spielen vorwiegend in der Zeit von 930 bis 1030, wurden aber erst 200 bis 300 Jahre später aufgezeichnet. Mündliche Überlieferung zu historischen Personen verbindet sich in den Sagas mit literarischer Ausgestaltung. Sie sind identitätsstiftende Chroniken und Fiktion zugleich.

In einer Epoche, in der auf dem europäischen Kontinent noch das höfische Versepos dominiert, entstehen im fernen Island die ersten Romane und Kurzgeschichten.

Der Stil der Sagas ist nüchtern bis lakonisch. Doch wenn ein Mann einen blauschwarzen Umhang überstreift, hegt er Rachegedanken. Was er fühlt, kann er nur in Gedichtform äussern, den Skaldenstrophen. Wir überspringen sie gerne, weil uns die Kenningar – Metaphern wie „Rentier der Welle“ (Schiff) – nicht mehr geläufig sind.

Der Übersetzer Wolfgang Butt und die Vorlesenden brachten dem Publikum die mittelalterliche Poesie näher, die auch mal im „Härtefall des schnellen Dichtens“ dem Skalden den Kopf retten konnte.

Sich den durchaus surrealen Aspekten der Skaldik spielerisch zu nähern, dazu forderte die Performance von Sjón, Ulf Stolterfoth und Frank Köllges auf.

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Ulf Stolterfoth, Sjón und Frank Köllges: Der grosse Holmgang in Strophen.

Witz und Ironie kommen in den Sagas nicht zu kurz und auch die Vortragenden trugen dazu bei, dass der lange Saga-Tag für die Zuhörer nicht zur Qual wurde.

Mitten in ihrem dramatischen Vortrag der Erzählung von Thorsteinn Ochsenfuss konnte Laura Maire ein Lachen nicht unterdrücken und das Publikum stimmte fröhlich ein.

Boris Aljinovic, der zusätzlich den Lesepart des verhinderten Anatole Taubmann übernommen hatte, stolperte zum Vergnügen aller schliesslich doch über die schwierige isländische Aussprache, mit der auch andere zu kämpfen hatten.

Nicht alle, die mit Genuss zuhörten, werden sich auch mit den gedruckten Sagatexten beschäftigen – das machte eine Besucherin zum Schluss deutlich.

Das Interesse an der Saga-Ausgabe ist allerdings wenige Tage nach Erscheinen schon grösser, als der Verlag erwartet hatte. Wir werden in einem der nächsten Kulturblick-Ausgaben darauf zurückkommen.

Bernhild Vögel