Frau Präsident

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Frau Präsident

frau-praesidentPolitikerbiographien gehören eigentlich nicht zu meiner bevorzugten Lektüre. Und ich wäre wohl auch nicht auf die Idee gekommen, das Buch „Frau Präsident“ von Páll Valsson zu lesen, wenn ich nicht in einem anderen Zusammenhang auf Vigdís Finnbogadóttir gestossen wäre.

Natürlich wusste ich, dass sie die langjährige Staatspräsidentin Islands war, bevor der heute noch amtierende Ólafur Ragnar Grímsson sie 1996 ablöste. Ich wusste, sie war die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt. Und das Vigdís-Finnbogadóttir-Institut für Fremdsprachen an der Universität Island war mir ein Begriff. Aber das war dann auch schon alles.

Nun war sie mir bei der Arbeit an den deutschen Untertiteln für „Future of Hope“ begegnet. Sie appelliert in diesem Dokumentarfilm an ihre Landsleute, ihr Wissen zu nutzen, um Island und seine Natur zu schützen und fordert eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit und alte Werte:

„Es galt als altmodisch und negativ, wegen der Naziideologie, national zu fühlen, aber das allein kann uns helfen, der Glaube an das Land und der Glaube an seine Menschen.“

„Since the Nazism“ sagt sie und ich fragte mich, warum und für wen sie diesen Einschub macht. Isländer haben ein ungetrübtes Nationalbewusstsein. Bevor wir es als nationalistisch abstempeln, sollten wir daran denken, dass Island als ehemals kolonialisiertes Land, das erst vor 67 Jahren seine Unabhängigkeit errang, eine gänzlich andere Geschichte hat als Deutschland.

Der Satz beschäftigte mich. Dann lag das Buch „Frau Präsident“ vor mir.

Vigdís Vater Finnbogi war Ingenieur und lehrte an der Universität, ihre Mutter Sigrídur war Vorsitzende der isländischen Krankenschwesternvereinigung, eine selbstbewusste, friedensbewegte Frau. Auch wenn ihre Schreibmaschine auf dem Esszimmertisch thronte – es herrschte strenge Disziplin in der Familie.

Vielfach besteht die Vorstellung, Island sei vom Zweiten Weltkrieg nicht betroffen gewesen. Sicherlich, die Insel lag fernab der grossen Kriegsschauplätze und wurde von den Alliierten vorbeugend und keinesfalls in feindlicher Absicht besetzt.

Doch auch in Island heulten Sirenen, etliche Bomben fielen und über hundert isländische Seeleute kamen bei deutschen U-Boot-Angriffen auf Frachter und Fischtrawler ums Leben.

Für die Schülerin Vigdís, die dem deutsch-jüdischen Emigrantenjungen Wolfgang Edelstein half isländisch zu lernen, war der Kriegsbeginn ein einschneidendes Erlebnis.

Ein angesehener Geschäftsmann rannte eines schönen Spätsommertages herum und rief in die Gärten seiner Nachbarn hinein: „Der Krieg ist ausgebrochen“. Mutter Sigrídur hängte eine Europakarte an die Wand und markierte die Frontlinien mit Stecknadeln.

Das allgemeine Entsetzen war gross, als die Deutschen am 9. April 1940 Dänemark besetzten. Die zehnjährige Vigdís half ihrer Mutter, Kisten mit Lebensmitteln für notleidende Dänen zu packen.

Nicht nur ihre Eltern hatten Angst vor einer deutschen Besetzung. Es gab allerdings auch isländische Nazis, die durch die Strassen marschierten, „die meisten ihrer Anhänger waren entweder junge Burschen oder Isländer, die durch Verwandtschaft, Geschäftsbeziehungen oder Ausbildung den Deutschen enger verbunden waren“, schreibt Páll Valsson.

Zur Erleichterung der meisten Isländer aber zeigten die Schiffe, die am 10. Mai 1940 in den Hafen von Reykjavík einliefen, die britische Flagge. Mit der Besetzung – die Briten wurden bald von den Amerikanern abgelöst – begann der „Zustand“. Voller Angst schickten die Eltern ihre Kinder aufs Land.

1943 hielten sich rund 50.000 Soldaten in Island auf, in dem gerade mal 60.000 Frauen lebten. Páll Valsson schreibt: „Die Isländerinnen sahen sich plötzlich in der glücklichen Lage, Alternativen zu den isländischen Bauerntrampeln zu haben, und die ausländischen Soldaten profitierten davon.“

1944, mitten in Krieg und Besetzung, erklärte Island seine Unabhängigkeit von Dänemark. Der langgehegte Traum von der isländischen Republik ging in Erfüllung.

Páll Valsson ist es wichtig aufzuzeigen, vor welchem Hintergrund die Generation von Vigdís aufwuchs: „Die jüngeren Generationen können zum Beispiel deren tiefverwurzeltes Nationalbewusstsein nicht mehr nachvollziehen ...“

Ich überspringe jetzt viele persönliche und berufliche Stationen von Vigdís Finnbogadóttir, Studium in Frankreich, Ehe, Scheidung, Arbeit im staatlichen Tourismusbüro, Theaterintendanz, Adoption, Brustkrebs und anderes, um noch ein paar Worte über die Wahlkampfkapitel zu verlieren.

Vigdís Finnbogadóttir erzählt von ihrer anfänglichen Abneigung gegen die Präsidentschaftskandidatur und warum sie schliesslich doch kandidiert hat. Dann berichtet Páll Valsson über die Schmutzkampagne, der sie im Wahlkampf ausgesetzt war.

Eine geschiedene, alleinstehende Frau mit Adoptivkind im Präsidentensitz Bessastadir, „dem erhabensten Haushalt des Landes“? Das empfanden gewisse Kreise als traditionswidrig und  „Erniedrigung“.

Die Kandidatin reagierte schlagfertig: „Wenn ich zum Beispiel mit einem Schafbauern in Nordisland verheiratet wäre, sollte er dann sein Vieh nach Bessastadir treiben und es dort halten?“

Sogar ihre Brustamputation wurde als Hindernis für das Präsidentenamt angeführt. Vigdís konterte: „Ich hatte eigentlich nicht vor, mir die isländische Nation an die Brust zu legen.“

Island hat heute eine Premierministerin, die mit einer Frau verheiratet ist. Vorurteile wie im Wahlkampf 1980, also vor gerade mal 30 Jahren, haben abgenommen, ausgestorben sind sie mit Sicherheit nicht.

Ich frage mich, wie Vigdís Finnbogadóttir, die ja keineswegs eine routinierte Politikerin war, so souverän Kandidatur und Amtszeit durchstehen konnte. Selbstdisziplin hatte sie von Kindesbeinen an gelernt.

In Island, sagt sie in einem anderen Zusammenhang, gehöre es zum guten Ton, sich keine Blösse zu geben: „Wer jammert, ist ein feiger Wurm. Deshalb stehen die Isländer auch bei allen Umfragen immer als die glücklichste Nation der Welt da.“

Fazit im Telegrammstil: Eine bemerkenswerte Frau, eine respektvoll geschriebene Biografie, ein Bestseller in Island, ein spannendes Stück Zeitgeschichte – lesenswert.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net   

www.birdstage.net

Páll Valsson: Frau Präsident. Eine isländische Biografie.

Orlanda Verlag Berlin, 270 Seiten, 19,90 Euro

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