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64 ISLÄNDERSAGAS auf einen Streich

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64 ISLÄNDERSAGAS auf einen Streich

„Ein Mann hiess ...“ So beginnen viele Isländersagas. Dieser Mann, der oft Bauer, Krieger und Dichter zugleich ist, hat einen Haufen Vorfahren, Brüder, Söhne und Töchter und Schwippschwager. Er ist nicht der einzige und etliche Frauen kommen hinzu. Sind die Akteure versammelt, „kommt es, wie es kommen muss.“ Also das ganze Drama – Liebe, Hass, gekränkte Ehre, Totschlag, Rache – dessen oft zitierte Kurzformel „Bauern verprügeln sich“ lautet. Die Überlebenden versöhnen sich tunlichst. „Anschliessend gehen alle nach Hause.“

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Isländersagas sind spannende historische Romane, geschrieben von anonymen Verfassern des 13. und 14 Jahrhunderts, die vorrangig das Schicksal von Personen und Familien beschreiben und ausschmücken, die um die erste Jahrtausendwende auf Island gelebt haben.

Die Neuübersetzung der Isländersagas war eines der wichtigsten Projekte von „Sagenhaftes Island“: „Wir, die Verantwortlichen für den Ehrengastauftritt Islands in Frankfurt 2011, sahen es als unsere erste Aufgabe, die Sagas wieder mit Nachdruck auf den deutschen Markt zu bringen“, hatte Halldór Gudmundsson, Direktor von „Sagenhaftes Island“, vor rund zwei Jahren gegenüber Iceland Review Online betont.

Skepsis war damals angesagt, denn es schien kaum möglich, ein solches Projekt in so kurzer Zeit zu realisieren. In der Reihe „Bibliothek der altnordischen Literatur“ (Diederichs Verlag), die in den 1990er Jahren die veraltete und ideologisch belastete „Sammlung Thule“ ablösen sollte, waren fünf Isländersagas innerhalb von vier Jahren erschienen. Und nun 64 Sagas und Erzählungen auf einen Streich? Konnte das gutgehen?

Es ging gut und im Schloss Corvey wurde vor kurzem die von Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack im Fischer Verlag herausgegebene fünfbändige Sagaausgabe mit einem Lesefest vorgestellt und gefeiert.

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Vorstellung der Isländersagas in Corvey: Hans Jürgen Balmes, Klaus Böldl, Halldór Gudmundsson (v. l. n. r.).

„Vor drei Jahren begann die Planungsphase“, sagte Hans Jürgen Balmes, verantwortlicher Lektor beim S. Fischer Verlag, „und vor anderthalb Jahren die heisse Phase“. Anfangs waren sieben Übersetzer vorgesehen, doch das reichte nicht aus. Insgesamt trugen 15 Übersetzer aus drei Generationen zum Gelingen des Projektes bei: Der emeritierte Mediävist Kurt Schier, erfahrene Literaturübersetzer wie Karl-Ludwig Wetzig und Tina Flecken und die „Jungen“, der deutsch-isländische Autor Kristof Magnusson beispielsweise und wissenschaftliche Mitarbeiter am Nordischen Institut der Uni Kiel.

Dreimal pro Woche trafen sie sich im Übersetzerkolloquium unter der Leitung von Wolfgang Butt, um ihre Arbeit zu koordinieren und Probleme zu diskutieren. Schwierigkeiten bilden seit eh und je die zahlreichen Skaldenstrophen mit ihrer uns fremden Metaphorik, den so genannten Kenningar.

Nehmen wir ein paar Zeilen aus der Saga von Kormák Ögmundarson. In Kapitel drei erblickt Kormák die schöne Steingerd durch einen Türspalt – erst ihre Füsse, dann ihre Augen. Auch die junge Frau ist von dem bleichen, schwarz gelockten Jüngling angetan, wie er freudig bemerkt:

„Wandtest dein Auge, Wonn'ge, wenig von mir: Sehnsucht litt ich, barg mein Leid nicht ...“

So liest sich das in der alten Thule-Ausgabe – sicherlich nicht der schlechteste Versuch, Versmass und Stabreim (die betonten Worte mit dem Anfangsbuchstaben W) ins Deutsche hinüberzuretten; es gibt andere, schrecklich verschrobene Beispiele. Heutzutage aber bleibt man am Text und seiner Bildsprache und daher übersetzte Thomas Esser:

„Nicht wandte die ringgeschmückte Linde des Rauschtranks ihr Auge von mir, verbarg nicht die brennende Sehnsucht ...“

Was es mit der Kenning „Linde des Rauschtranks“ auf sich hat, wird unter der Strophe kurz erläutert. Gibt man als Leser der Versuchung nicht nach, die Skaldenstrophen zu überspringen, stellt sich bald eine gewisse Übung im Deuten der Kenningar ein. Die Strophen sind wichtig und nicht einfach ein Zierwerk zum Prosatext – der Protagonist kann seine Gefühle nur in Versen, nur unter dem Schutzschild der Kenningar ausdrücken.

Nimmt man einen der schwergewichtigen Bände der Isländersagas in die Hand, kann man „das Glück des Handballens“, wie Hans Jürgen Balmes es ausdrückte, deutlich spüren; die gesamte Kassette mit vier Sagabänden und Begleitband ist mit fast fünf Kilo nicht mehr ganz so handlich.

Die Bände folgen einer geografischen Ordnung, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist (erst im Begleitband findet sich auf Seite 196 eine Erläuterung). Band 1 versammelt die Geschichten, die im Süden Islands spielen, dann geht es in den Westen und Band 3 spielt im Nordwesten. Der vierte Band enthält Sagas und Erzählungen aus dem Nordosten, Osten und dem Ausland.

Zu jeder Saga gibt es eine kurze Einführung. Im knapp gehaltenen Anmerkungsteil finden sich Karten mit den Schauplätzen der Handlungen. Immer wiederkehrende Begriffe – Waräger, Wiedergänger, Wikinger z.B. – werden im Glossar des Begleitbandes erklärt. Jeder Sagaband hat zwei Inhaltsverzeichnisse – eins vorne und ein ausführlicheres hinten.

Sach- und Personenregister fehlen. Bei kürzeren Sagas ist das nicht weiter tragisch, aber bei der Njáls Saga (600 Personen) oder der Saga von den Leuten auf Eyr kommt der Leser ohne Personenindex über kurz oder lang ins Schleudern.

Das Problem wurde ausführlich diskutiert, versicherte mir Herausgeber Böldl am Rande des Lesefestes in Corvey. Die Sagas enthalten zahlreiche unterschiedliche Personen mit gleichen Namen – ein ausführliches Stellenregister wäre daher nötig gewesen, hätte aber jeden zeitlichen und räumlichen Rahmen gesprengt. So entschloss man sich zu den Verzeichnissen am Ende jedes Bandes mit kurzen Inhaltsangaben der einzelnen Kapitel.

Und wenn das nicht ausreicht? – „Sie lesen doch sicher auch mit Bleistift, oder?“, meint Lektor Balmes augenzwinkernd.

Einiges hätte dennoch benutzerfreundlicher ausfallen können, so fehlt eine Gesamtübersicht, welcher Band welche Sagas vereint, und bei vielen Querverweisen vermisst man die Bandangabe.

Trotz Lesehürden und kleiner Mängel: Die Isländersagas präsentieren sich in toller Aufmachung und sind – so der erste Eindruck – frisch und zeitgemäss übersetzt. Ohne den produktiven Zeitdruck durch die Ehrengastrolle auf der Frankfurter Buchmesse 2011 hätten wir sicher noch lange auf eine Neuausgabe der Isländersagas warten müssen.

Wer bislang keine Saga-Erfahrung hat, dem seien zum Einstieg die Erzählungen und kürzeren Sagas empfohlen. Und vor allen auch der Begleitband, über den noch zu sprechen sein wird.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

ISLÄNDERSAGAS (Die Kassette) in 4 Bänden mit einem Begleitband, S. Fischer Verlag, 3384 Seiten, gebunden, 98,00 Euro (ab 1.Juli 2012: 120,00 Euro).

Hier finden Sie einen Artikel über das Saga-Lesefest in Corvey und hier eine Besprechung der Audio-CDs, auf denen uns isländische Erzähler die Sagas näherbringen.

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