Mein Messetagebuch (bv)

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bernhild_dlDienstag, 11. Oktober 2011

Es ist ein Sakrileg, ich weiss es, aber ich kann nicht aufhören. Ich skalpiere den Einband des hellblau broschierten Buches mit einem Schälmesser als wäre es eine Kartoffel. Sogar den Rücken, auf dem nun die Schrift mit Titel und Autor verschwindet.

Der Autor, der Reykjavíker Bürgermeister Jón Gnarr, steht neben mir und wirkt nicht gerade erfreut. Wortlos wendet er sich zum Gehen, während mich einer seiner Begleiter noch schnell mit Bier bespritzt. „See you in Munich“ will ich ihm nachrufen, aber da ist er schon entschwunden.

Ein schriller Ton stoppt den skurrilen Traum. Es ist 4:30 Uhr und ich muss nach Frankfurt. Nächtlicher Bücherfrevel und falsches Reiseziel verfolgen mich. Vielleicht sollte ich keine Buchbesprechungen mehr schreiben. Vielleicht sollte ich die Buchmessenstadt meiden.

Kurz nach neun stolpere ich durch die Halle 5 auf dem Frankfurter Messegelände. Die Gänge sind mit Baumaterial verstopft, überall wird gehämmert und geklopft. Der Stand A933? Da baut bella Italia. Ich bin nicht im falschen Film, sondern nur im falschen Stockwerk.

Der isländische Gemeinschaftstand steht fertig aufgebaut wie ein Fels in der Brandung. Erstaunlich. Bald treffen Benni und Rosa ein, die in den nächsten Tage mit Ruhe und freundlicher Gelassenheit über all das Messechaos regieren.

Die Eröffnungspressekonferenz der Buchmesse findet in der austernförmigen Agora statt. Twitter-Flitter wächst aus Deckendruckern und unten protzt Chrom. Das Messemotto „Neues denken“ hat zu einer seltsamen Allianz mit Audi geführt.

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Später wird mir folgender Dialog zugetragen. Sagt ein Journalist zum anderen: „Was machst Du denn mit dem Audimann?“ Erwidert der andere: „Weiss noch nicht: Totschweigen oder Runterschreiben.“

Am Nachmittag dann die Eröffnung. Kontrollen wie im Flughafen. Guido Westerwelle kommt. Im Foyer ruft mich jemand: Haffi, die „Mutter“ der Musikmaus Maximus Musikus ist nur kurz in Frankfurt, sie hat Termine in Münster und Mainz und schlägt sich tapfer alleine durch die deutschen Lande. Kristín Steinsdóttir, die Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, strahlt in der isländischen Nationaltracht.

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Mein Platz ist irgendwo am Rand, zu weit entfernt um den Einzug der Isländer, der diesjährigen Ehrengäste, im Bild festhalten zu können. Ich eile die Treppe hinab, um wenigstens einen Schnappschuss vom isländischen Präsidentenehepaar zu bekommen.

Plötzlich werde ich zur Seite gezerrt. Rohe Bodyguard-Hände. Ein kurzer Disput. Man braucht einen Sonderausweis. Nicht wegen des isländischen Präsidenten, sondern wegen Westerwelle, den ich gar nicht im Blick hatte. Erst später stelle ich fest, dass er mit auf der letzten Aufnahme ist. Ich verwende sie für meinen offiziellen Bericht.

Manche schreiben ihre Reden selber, manche lassen schreiben. Einige Ghostwriter sind gemein und schmuggeln isländische Vulkan- und Autorennamen in die Rede. Unser Aussenminister fällt auf eine solche Provokation nicht herein. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin dagegen scheint etwas missverstanden zu haben, sonst hätte sie wohl nicht versprochen, demnächst die Saga (64 Sagas und Erzählungen, über 3000 Seiten) zu lesen.

Anschliessend wird der isländische Pavillon eröffnet. Ich habe ihn schon vorher besichtigt und warte, bis sich die Bodyguards verabschieden. Nun könnte ich auch dem isländischen Präsidenten, der sich mitten unter seinem Volk befindet, die Hand schütteln.

Nachdem ich mir mit einem Glas Bier Mut gemacht habe, ziehe ich es vor, Jón Gnarr anzusprechen und ihm in zähflüssigem Englisch meinen Traum zu erzählen. Er reagiert etwas verwundert.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

8:30 Uhr. Ein paar Paletten isländischen Wassers sind eingetroffen und müssen im Vorrats- und Proviantraum des Standes aufgestapelt werden. Bier steht da schon, es ist aber seltsamerweise deutsches. Ich bestücke unsere kleine Regalfläche und richte mir einen Arbeitsplatz an einem der Tischchen ein.

Den Bericht über die Eröffnungsveranstaltung habe ich abgeschickt. Die Fachbesucher strömen herein. Sie vergreifen sich hemmungslos an unseren Broschüren. Ich versuche das Schlimmste mit „Nur zur Ansicht“-Beschriftung zu verhindern.

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Mittags wird das Internet langsamer und meldet sich ab. Im Pressezentrum erfahre ich, dass die ganze Messe ohne Netzzugang ist. Schuld sein soll die Telekom sein.

Ich erspähe Silfur-Egill, den berühmten isländischen Fernsehmoderator, und eile, ihn zu begrüssen in der wohl irrigen Ansicht, er käme sich in diesem ganzen Tohuwabohu, das im Pressezentrum herrscht, verloren vor.

Nachmittags melden mir die Kollegen von der Druckerei Oddi freudestrahlend, dass unsere Werbekarten eingetroffen sind.

Donnerstag, 13.10.2011

Kollegin Gabriele Schneider kommt und bringt Leben an meinen Schreib-Tisch. Während sie versucht, sich im Hallendschungel nicht zu verirren, verteidige ich ihren Stuhl gegen feindliche Angriffe.

„Wir kennen uns doch“, sagt einer, dem ich kalt den Stuhl verweigere. An diesem zweiten Messetag kommen mir alle Menschen bekannt vor, aber ich weiss überhaupt nicht mehr, wer wer ist.

Es ist der Krimischriftsteller Viktor Arnar Ingólfsson und er hat sogar gelesen, was ich im letzten „Mein Island“ über ihn geschrieben habe. Gequält von Schuldgefühlen dränge ich ihm mein Buch „Der Schleier der schwarzen Elfin“ auf.

Die zurückgekehrte Gabi tröstet mich: Auch andere Menschen leiden an der Wiedererkennungsschwäche. Mit vereinten Kräften versuchen wir, wenigstens die Personen am Nebentisch zu identifizieren. Das Buch, das da liegt, hilft uns.

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Der junge Mann mit dem verschmitzten Gesichtsausdruck, der stumm zwischen den Verlagsvertretern sitzt, ist unzweifelhaft der Cartoonist Hugleikur Dagsson („Finden Sie DAS etwa komisch“).

Später kehrt Hugleikur an den Tisch zurück und beginnt seine berüchtigten kleinen Zettel zu bemalen. Als er geht, bleibt einer liegen. Wie die Geier stürzen wir uns darauf. Zwei kleine Kreise auf der Vorderseite, drei Buchstaben auf der Rückseite. Wir sind enttäuscht.

Freitag, 14.10.2011

Die so genannten Fachbesucher klauen wie die Raben. Alle neuen Ausgaben der Iceland Review sind verschwunden, beide Bildbändchen über den Ausbruch des Eyjafallajökull haben sich in Luft aufgelöst und auch von unseren Büchern, mit denen wir drei deutschen Iceland Review Online-Mitarbeiterinnen uns vorstellen, sind schon Exemplare entwendet worden. What a mess, würde der Brite sagen.

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Im Gespräch mit den Besuchern stelle ich immer wieder fest, dass etliche zwar regelmässig die englischsprachige Iceland Review Online lesen, aber noch nie realisiert haben, dass es auch eine deutsche Ausgabe gibt. Mir scheint, es liegt noch eine Menge Aufklärungsarbeit vor uns.

13:30 Uhr. Die Hälfte der Messe ist geschafft. Da ist ein Bergfest fällig. Und tatsächlich, heute Nachmittag ist Party im Island-Pavillon angesagt. Wenn ich Fete und Publikumswochenende überlebe, melde ich mich wieder.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net

www.birdstage.net

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