Zwischen Hybris und Demut

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Zwischen Hybris und Demut

laxness_volksbuch„Romane werden durchwegs von unehrlichen Spitzbuben, geistlosen Snobs oder vornehmen alten Jungfern, die Aufsehen erregen wollen, verfasst“, schrieb ein isländischer Autor zweieinhalb Jahrzehnte bevor er den Literaturnobelpreis für sein Romanwerk bekam. Dieser Satz findet sich im  „Volksbuch“, in dem sich Halldór Laxness „über Island und Gott und die Welt“ verbreitet.

Die nun erstmals ins Deutsche übersetzten Essays folgen „in ihrer zeitgebundenen radikalen Textgestalt“ der Erstausgabe des Volksbuches von 1929 und vermitteln ein „Bild von dem jungen, über die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten der Welt empörten Halldór Laxness“, heisst es im Nachwort des bewährten Laxness-Übersetzers Hubert Seelow.

Der deutsche Leser jedoch, der nur die berühmten Romane wie „Sein eigener Herr“ und „Die Islandglocke“ kennt, ist angesichts manch arroganter Urteile schockiert. Wer sich mit der Biographie von Laxness beschäftigt oder sich durch den Roman „Der große Weber von Kaschmir“ gequält hat, wird nicht ganz so unvorbereitet an die Lektüre herangehen.

Wenn man sich für isländische Geschichte und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts interessiert und insbesondere für die Person von Halldór Laxness, sollte man das Volksbuch unbedingt lesen. Am sinnvollsten in Verbindung mit der sorgfältig recherchierten und fesselnd geschriebenen Laxness-Biographie von Halldór Guðmundsson, denn das Vorwissen um den zwischen Überheblichkeit und Bescheidenheit, geistigen Höhenflügen und Depressivität hin- und hergerissenen Autor fördert das Verständnis und erhöht die Lesefreude an den pointierten Texten.

1927, im Alter von 25 Jahren reist Laxness nach Los Angeles, um als Drehbuchautor Karriere in Hollywood zu machen. Das Glück bleibt aus und Mitte 1928 beginnt er mit dem Volksbuch.

Seine Landsleute sollen zur Kenntnis nehmen, was er in Amerika gelernt hat und wie sich seine Anschauung der Welt geändert hat. Damit Island endlich wieder unter den Kulturnationen Platz nehmen kann, müssen Unsauberkeit, Spucken und Mundgeruch ein Ende haben, befindet der Jungautor. Er will schockieren und provozieren und das gelingt ihm gründlich.

Trotz aller Überheblichkeit durchzieht das Volksbuch ein großes Heimweh. Anlässlich der Besichtigung einer noblen Villa („die Hundezimmer waren wie die prächtigsten guten Stuben bei Bezirksvorstehern“) erscheint Laxness „die ganze Tragik Amerikas in einem einzigen Trugbild“ und er findet seine Gemütsruhe wieder in der Vorstellung eines kleinen isländischen Bauernhauses „mit schiefer Eingangstür und Blumen auf dem Dach“.

Dort hängt die Katze über dem Milchtrog ihren Gedanken nach, der Säugling wird gestillt, Wiegenlieder erklingen und Geschichten von heldenhaften Taten werden erzählt. „Und solange die Kinder noch nicht sprechen konnten, trug ihre Mutter sie auf dem Arm vor den Hauseingang, zeigte auf alle Berge, die man vom Hofplatz aus sehen kann, und lehrte sie den Namen eines jeden Gipfels als ob es vornehme Herrschaften wären.“

Es gibt noch mehr solch verklärter Kindheitsvisionen im Volksbuch, ebenso wie Ergüsse über Kindererziehung, die die „Arroganz des frischgebackenen Weltbürgers“ (Halldór Guðmundsson) widerspiegeln.

Welche Stationen hat dieser junge Weltbürger schon hinter sich? Mit siebzehn Jahren nennt er sich bereits Poet und erkundet Kopenhagen. Dann die grosse Chance: Geld für die Überfahrt nach Amerika. Doch Europa lockt und Laxness bleibt in Deutschland und Österreich hängen.

Im Mai 1922 hat er New York vor Augen – doch die Einwanderungsbehörden schicken den zwanzigjährigen, inzwischen völlig mittellosen Isländer mit demselben Schiff nach Europa zurück. Auf der Insel Bornholm findet er Unterschlupf sowie Trost bei der isländischen Dienstmagd Málfríður. Am 10. April 1923 – zwei Wochen vor seinem 21. Geburtstag – wird Laxness Vater.

 

Doch zu diesem Zeitpunkt hat ihn sein Schwanken „zwischen Hybris und Demut“, wie Biograph Guðmundsson seine Gemütsverfassung treffend bezeichnet, bereits ins Kloster Saint-Maurice im luxemburgischen Clervaux geführt. Hier tritt er zum Katholizismus über, fest entschlossen, seine ehrgeizigen Schriftstellerpläne zu begraben und sein Leben Gott zu weihen.

Tolstoi, die östliche Philosophie, Schopenhauer, Nietzsche und schließlich der Schoss der katholischen Kirche. „... jede neue Lehre war ein schützender Hafen, in den ich mich in meiner Not und Verzweiflung flüchtete, um mein Leben zu retten“, schreibt er im Volksbuch.

Doch Laxness hat schon zu viel von der fiebrigen Aufbruchstimmung der Zwanziger Jahre aufgesogen und seine Schreibsucht ist zu groß, als dass er im Kloster Ruhe finden konnte. Im letzten Kapitel des Volksbuches, das „Glaube“ überschrieben ist, bekennt er: „Mein Weg zu den irdischen Interessengebieten hat durch die Nichtigkeiten des Himmels geführt“ und beschreibt, wie im Herbst 1925 in Sizilien „Der große Weber von Kaschmir“ Formen annahm.

Während Laxness im „Weber“ noch Orientierung sucht, hat er sich in Los Angeles völlig vom Katholizismus getrennt und ist mit fliegenden Fahnen ins sozialistische Lager übergewechselt. Freilich auf recht unorthodoxe Weise, denn anstatt mit den Werken von Karl Marx beschäftigt er sich mit Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“.

Der Schriftsteller, der froh ist, dass sich andere um sein Kind kümmern, tritt im Volksbuch für öffentliche Kindererziehung und Frauenemanzipation ein. Die Wohnungssituation der armen Bevölkerung in Island, mit „blaugefrorenen Kindern, die heulend um einen Primuskocher herum hocken“, brandmarkt er als „nationalen Kulturskandal“ und verblüfft immer wieder durch moderne Gedanken: Island habe „Erdwärme und Elektrizität“ (aus Wasserkraft), aber verschwende immer noch Geld darauf, „altmodische Brennstoffe wie Kohle und Öl“ zu importieren.

Einst waren die Isländer eine Hochkultur, in der „jeder klassisch schreiben konnte“, schwärmt der Autor, der seine Landsleute und potentiellen Leser (100.000 sind es damals) aus dem Elend befreit sehen will. Angesichts des Fischreichtums und der tüchtigen Fischer hat er eine hochfliegende Vision: „Nichts spricht dagegen, dass die Isländer die reichste Nation der Welt werden können...“ 

Bevor die Bankenblase 2008 platzte, war es fast soweit. War Halldór Laxness ein Prophet? Oder  umgekehrt: Trieb die modernen Wirtschaftswikinger der Ehrgeiz, die Vision ihres Literaturnobelpreisträgers zu verwirklichen?

Längst lag das Manuskript des Volksbuches in Reykjavík, das Geld der Mutter für die Rückfahrkarte war eingetroffen und Laxness nahm Abschied von Amerika, als am 29. Oktober 1929 mit dem Börsenkrach an der Wallstreet die Weltwirtschaftskrise begann.

„Das passierte an einem einzigen Tag, ich habe ihn miterlebt. Man ging durch die Strassen und begegnete überall ratlosen Menschen, weinenden Frauen mit Kindern, die alles verloren hatten“, erinnerte sich Laxness 1983 im Gespräch mit seinem Namensvetter und späteren Biographen Halldór Guðmundsson. Ob ihn der isländische Bankenzusammenbruch schockiert hätte?

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net  

www.birdstage.net

Halldór Laxness: Das Volksbuch. Über Island und Gott und die Welt.

Steidl Verlag 2011, 288 Seiten, 19,90 Euro

Halldór Guðmundsson: Halldór Laxness. Eine Biographie.

btb 2009, 864 Seiten, Paperback 18,00 Euro

(Halldór Guðmundssons 2011 im Steidl Verlag wieder aufgelegte biographische Studie „Halldór Laxness - Sein Leben“ (237 S.) enthält auch zahlreiche Fotos von Gerhard Steidl, dem Verleger und Freund von Laxness.)

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