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Kapitalistischer Realismus aus dem Schweinchen-Supermarkt

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Kapitalistischer Realismus aus dem Schweinchen-Supermarkt

bonus01Die Adventszeit beginnt und der allgemeine Kaufrausch erreicht seinen Höhepunkt. Besinnungslos stürzt der zahlungskräftige Teil der Christenheit, auch Verbraucher genannt, in Fußgängerzonen, hastet durch Konsumtempel und stolpert über Weihnachtsmärkte. Besinnlichkeit? – Fehlanzeige!

Ich „spüre, wie der Urmensch in mir hervorbricht, wenn ich mit dem Einkaufswagen durch die Gänge hetze und sammle und sammle und sammle“.

Mit dem Gedicht „Homo consumus“ beginnt die Gedichtsammlung Bónus Supermarktgedichte. Andri Snær Magnason unternimmt einen von Dante inspirierten Gang, der unorthodoxerweise im Paradies, der Obstabteilung des isländischen Lebensmitteldiscounters Bónus beginnt, dann den Höllenkreis der Fleischwaren durchschreitet, um zuletzt in der Putzmittelabteilung des Purgatoriums zu enden.

Während das christliche Abendland den Eingang zur Hölle im isländischen Vulkan Hekla verortete, stellen sich Isländer die Hölle eher kalt vor. (Wenn Sie Jón Kalman Stefánssons „Himmel und Hölle“ gelesen haben, haben Sie eine Vorstellung davon.)

Wer bei sommerlichen 15° Celsius leichtbekleidet Bónus aufsucht, kann sich glücklich schätzen, wenn er mit Erfrierungen zweiten Grades davonkommt.

Denn während hierzulande lediglich die Wurstregale und Fleischtruhen gekühlt werden, betritt man bei Bónus eine Kältekammer: „Einsam und erfroren schiebe ich den Wagen durch die Bónuslande / Fleischberg hoch vor Höllentoren / Der neue Fraß!“

Doch vergessen wir mal den ganzen Himmel- und Höllenkram. Der junge Andri hatte gerade seine Berufung zum Wortkünstler entdeckt. Hungrig streifte er durch Bónus und empfand angesichts von Portemonnaie und Magen eine große Leere. Doch als sensibler Beobachter erkannte er auch, dass das pinkfarbene und so prallvoll wirkende Bónusschwein Mangel litt:

„Der Laden war voller Buchstaben und Botschaften, aber es gab keine Geschichten, keine Gedichte“, erkannte Andri. Und so kam ihm die Eingebung, die Nation benötige dringend Bónusgedichte.

In Deutschland ist es unvorstellbar: Ein 23-jähriger Nobody klingelt bei Herrn Albrecht Nord oder Tante Lidl, findet Gehör und fortan werden seine Alldie-Gedichte oder Lidlichen Gesänge in den entsprechenden Märkten feilgeboten.

Im Land der Dichter und Geysire aber geht das problemlos, zumal es dem Juniorchef Jón Ásgeir Jóhannesson offensichtlich egal war, ob er mit Klopapier, Gedichten oder Seifenblasen seine Milliarden verdiente.

Bis letztere 2008 platzten und das wütende Konsumentenvolk Jón Ásgeir (der Name wird anders gesprochen als geschrieben!) mit Schneebällen bombardierte.

Doch das Bónusschwein überlebte und die Bónus Supermarktgedichte machen sich nun daran, den deutschen Markt zu erobern. Die Nachbarin testete sie und begann zu kichern. Die Enkeltochter schleppte sie mit ins Bett.

Bei einigen Versen zog sie die Augenbrauen hoch und schniefte verächtlich (es sind ein paar nicht ganz kindgerechte dabei). Als sie alle durchgelesen hatte, erklärte sie „Sauberland“, „Tischgebet I“ und „Schneewittchen“ zu ihren Favoriten.

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Andri Snær Magnason auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: bv.

Verweilen wir bei „Schneewittchen“. Der Band enthält den Verbraucherhinweis, einige Gedichte seien „in Absprache mit dem Autor an die Bedürfnisse deutscher Konsumenten“ angepasst.

Es macht zumindest bei Tischgebeten mehr Sinn, Dr. Oetker für den Kuchen zu danken, als Mr. Mighty für das Ätznatron. Doch bei „Schneewittchen“ ist mir die Übersetzung zu frei.

Der erste Zweizeiler hält sich noch an das Original:

„Schneewittchen kann kein Sixpack kaufen

es sind nämlich sieben Zwerge“

Dann aber werden aus sieben Milchpackungen sieben Hähnchenkeulen und sieben Wecken verwandeln sich in Coladosen. Erst bei den schmutzigen Tellern und dreckigen Unterhosen in entsprechender Anzahl stimmen Original und Übersetzung wieder überein.

(Dem Dichter, der sich in Jugendjahren am Bodensee mehr in Mädchenaugen denn in die deutsche Grammatik vertieft haben soll, sei abgeraten, anhand der zweisprachigen Ausgabe einen zweiten Deutschkurs zu beginnen.)

„Wie üblich wollte sie gerade

sieben Flaschen Bier in den Korb legen“

liest sich schlüssig.

Wer nun aber glaubt, mit „get ég fengið kiðling“ ein Bier in Island bestellen zu können, wird wenig Glück haben. Denn Andri hatte „die sieben Geißlein“ und nicht „sieben Flaschen Bier“ im Sinn.

Während ich die wörtliche Übersetzung vorziehe, findet die Enkelin die Biervariante der Übersetzerin Tina Flecken besser – die Geißlein sind ihr zu viel Märchenmix.

Aber das von den sieben Zwergen gestresste Schneewittchen tat weder das Bier noch die Geißlein in den Einkaufswagen, sie

„kaufte sich eine Flasche Rotwein

und sieben vergiftete Äpfel.“

Vielleicht, so überlege ich, ist kiðlingur eine saloppe Bezeichnung für Bier; schließlich nennen wir Geld ja auch gelegentlich „Mäuse“.

Noch nicht einmal 10 Mäuse für die Bónusgedichte, dieses „Standardwerk des kapitalistischen Realismus“ auszugeben, lohnt sich gerade in der Adventszeit, wo ein bisschen Besinnung gut tut, vor allem wenn sie so humorvoll verpackt ist.

Die frühen Bónusgedichte von Andri, der hierzulande hartnäckig als „junger Schriftsteller“ bezeichnet wird (er ist mittlerweile 38 und hat vier Kinder), lesen sich wie eine Vorübung zu dem nun auch auf Deutsch erschienenen „Traumland“, in dem er 2006 den Wirtschaftswachstumswahn, die Wohlstandsverlustängste und das monströse Kárahnjúkar-Staudammprojekt unter die Lupe nahm.

Andri betrachtet die Welt kapitaler Zwänge mit unbestechlichen Kinderaugen, bezweifelt ihre Notwendigkeiten, rechnet kurz hoch und hat es geschafft, eine ganze Nation in erbitterte Debatten zu stürzen.

Dafür hat er verdientermaßen vor zwei Jahren in Hamburg den Kairos-Preis erhalten.

Andri Snær Magnason geht nächste Woche auf Lesetour durch Deutschland und die Schweiz.

Am 27.11. hält er in Freiburg den Vortrag „Capitalism now“ und am 29.11. liest er in Zürich. Am 30.11. hat die Bühnenfassung des Kinderbuches „Die Geschichte vom blauen Planeten“ im Theater Luzern Premiere und abends stellt Andri „Traumland“ vor. Am 1.12 ist Andri in Greifswald, am 2.12. in Bremen und am 4.12. in Berlin beim Nordwind-Festival. Veranstaltungsorte und -zeiten finden Sie auf Andris Internetseite.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Andri Snær Magnason: Bónus Supermarktgedichte (deutsch/isländisch), Übersetzungen von Tina Flecken, orange-press, 96 Seiten, 9,99 Euro.

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