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Dichter, Dämme, Dynamit

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Dichter, Dämme, Dynamit

Zu Weihnachten machen es sich die Isländer in ihren Eiderdaunenschiffen gemütlich, lassen sich sanft von der Jólabókaflóð (Weihnachtsbücherflut) schaukeln und tauchen erst Silvester wieder auf, um es ordentlich krachen zu lassen.

Die isländischen Schriftsteller, die für diese Flutwelle verantwortlich zeichnen, haben im zarten Kindesalter den Heringen die Köpfe abgeschnitten oder im Sommer auf Bauernhöfen geschuftet. Früh fingen sie an zu schreiben, haben irgendein Studium begonnen und oft auch wieder abgebrochen, da es für die Berufung, Dichter zu werden, irrelevant war.

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Einen Erziehungsauftrag spüren wohl alle in ihrer Brust, aber nur manche folgen dem Vorbild von Halldór Laxness, dem Übervater, und lesen ihrem Volk mal so richtig die Leviten.

Humorvoll und ernst zugleich tut dies Andri Snær Magnason, dessen „Traumland“ ich ein Zitat von Halldór Laxness entnehme, um meine Kurzvorstellung zweier sehr unterschiedlicher Bücher von Pétur Gunnarsson und Yrsa Sigurðardóttir einzuleiten.

Laxness warnte zum Jahresende 1970 vor der Zerstörung des Sees Mývatn und des Tales Laxárdalur durch ein geplantes Kraftwerk:

„Das Land und die Gesellschaft sind ernsthaft in Gefahr, wenn sich Männer in Anzügen mit ihren Rechenschiebern versammeln, um in kürzester Zeit so viele unserer heiligen Orte wie möglich auszulöschen ...“

Laxness knüpfte in diesem Morgunblaðið-Artikel „Krieg gegen das Land“ an das Pathos des „Volksbuches“ aus dem Jahr 1929 an. Doch der damalige Befürworter einer umfassenden Energienutzung hatte sich nun zum Fürsprecher der Naturschützer gewandelt.

1976 erschien ein schmaler Band mit dem bescheidenen Titel „punkt punkt komma strich“ und wurde für viele nachwachsende Schriftsteller zu einem ihrer Leitbücher.

Der Autor heißt Pétur Gunnarsson und mit der deutschen Ausgabe liegt uns nun nach 35 Jahren der erste Band der Tetralogie um den Protagonisten Andri vor.

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Pétur Gunnarsson. Links: aus Dagblaðið, 15.1.1977, rechts: auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Foto: bv.

Das Buch über eine isländische Kindheit und Jugend auf dem Hintergrund der Nachkriegsjahre ist in einem damals völlig neuen Stil geschrieben und begeistert auch heute noch die Leser.

Mit zauberhaften Strichen gezeichnet, voll überraschender Bilder, witzig und tiefsinnig zugleich, mal leicht hingetupft, mal messerscharf auf den Punkt gebracht.

Nehmen wir den „Müllmann von Bakki“, der nur kurze Auftritte hat und so eingeführt wird:

„Grusel-Krúsi, selbsternannter Horrorfilmschauspieler, wenn nur nicht ein gewisses inneres Leuchten hinzugekommen wäre, welches bewirkte, dass ihn sogar der Kater freudig begrüßte. Es war verbreitete Ansicht, er wäre auf dem Rücken eines Pferdes zur Welt gekommen, und kurz gesagt schien es, als hätte das Leben ihn in die Knie zwingen wollen und dann einen Kompromiss gemacht: einen Buckel. ...“

Krúsi hat den Schlauch des Traktors geflickt, den Bauer Stefán versehentlich mit der Flinte zerschossen hat.

„«Sie fangen jetzt mit dem Kraftwerk an», sagte Krúsi, als sie sich in die Küche gesetzt hatten. Stefan goss Kaffee in eine Tasse, schaufelte vier Löffel Zucker hinein und schüttete Milch darüber, bis das ganze auf die Untertasse schwappte. «Sie haben in Bakki alle LKW's angemietet, um ihre Sachen zu transportieren», fuhr Krúsi fort. «Der ganze Ort steht Kopf.» «Ja, man bekommt nicht jeden Tag die Gelegenheit, einen ganzen Landstrich unter Wasser zu setzen», sagte Stefán.“

Ich blättere vor zum hilfreichen kleinen Anmerkungsteil, denn ich will wissen, um welches Staudammprojekt es sich handelte. Doch meine Neugier wird nicht befriedigt.

Noch einmal kommt Pétur auf das Thema zurück, deutet an, dass es Widerstand gegen das Projekt gibt und entlässt schließlich den Leser mit einem rätselhaften Schluss-Wort.

Ich erinnere mich an eine Stelle in „Traumland“ und lese nach:

„Im Jahr 1970 gab es den Plan, Massen schmutzigen Gletscherwassers durch das Laxárdalur-Tal zu leiten und damit Islands bekanntesten Lachsfluss auszuradieren. Daraufhin trafen sich nach einer Beerdigung zweihundert Bauern aus der Gegend und ließen einen kleinen Damm im Fluss in die Luft fliegen. Fast hundert Menschen bezichtigten sich hinterher selbst der Tat. Der Plan der Wasserumleitung wurde fallengelassen.“

Ob Pétur auf dieses beispiellose „Gemeinschaftsverbrechen“ anspielt? Wir müssen wohl die Übersetzung des zweiten Bandes abwarten. Laxness sang ein Loblied auf die Bauern vom Mývatn ohne auf die Sprengung (die, wie die Beteiligten betonten, ein symbolischer Akt war) einzugehen. Diejenigen, die den Mývatn und die Laxá dem Profit opfern wollten, waren für ihn Kriegsführende gegen das eigene Land.

Yrsa Sigurðardóttir, durch ihre Krimis um die Anwältin Dóra bekannt, ist anders als die meisten ihrer Schriftstellerkollegen Nebenerwerbsautorin. Als Ingenieurin hat sie den Bau des umstrittenen Staudamms Kárahnjúkar mit geleitet.

Viele Schriftsteller hatten gegen das Projekt protestiert. In einem Interview mit Pétur Blöndal äußerte Yrsa die Hoffnung, die entstandenen Verluste an Natur würden durch Gewinne für die isländische Gesellschaft wettgemacht.

„Alle Prognosen deuten darauf hin, dass die staatliche Energieversorgung in zwanzig oder dreißig Jahren, iq-kids_yssobald sich die Kraftwerke amortisiert haben, jedes Jahr Milliarden von Dollars an Gewinn abwerfen wird. Dieses Geld wird direkt an die isländische Gesellschaft fließen. Das wird künftigen Generationen das Leben leichter machen ...“

Der staatliche Energiekonzern hat inzwischen solche Hoffnungen auf märchenhafte Gewinne empfindlich gedämpft, aber das ist eine andere Geschichte.

In Yrsas Kinder-Krimi „Die IQ-Kids und die geklaute Intelligenz“ geht es ordentlich frech zu und es explodiert auch so manches. Vier Kids mit sehr unterschiedlichem IQ bilden ein unschlagbares Team und nehmen es mit einem dubiosen Unternehmen auf.

Das Buch bietet vom Schulstress geplagten Kindern ab neun, zehn Jahren eine vergnügliche Lektüre, fördert Selbstvertrauen und Zivilcourage und vermittelt zudem: Gegen kriminelle Profitgier und den Missbrauch von Wissenschaft sind notfalls auch nicht so ganz legale Mittel gerechtfertigt.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Pétur Gunnarsson: punkt punkt komma strich Aus dem Isländischen von Benedikt Grabinski Weidle Verlag, 132 Seiten, 16,90 Euro

Yrsa Sigurðardóttir: Die IQ-Kids und die geklaute Intelligenz Aus dem Isländischen von Tina Flecken Fischer Schatzinsel, 288 Seiten, 12,95 Euro

Informationen über die Autoren finden Sie wie üblich auf der Internetseite von Sagenhaftes Island, Pétur und Yrsa werden dort auch als „AutorIn des Monats“ besonders vorgestellt.

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