Deutsche können nicht bis zwölf zählen

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Deutsche können nicht bis zwölf zählen

Zwei Fragen zur Landeskunde brannten Christhard Läpple, dem Moderator des Blauen ZDF-Sofas auf der Sagenhaften Frankfurter Buchmesse 2011 auf der Seele. Nachdem er Sjón zu seinem Roman „Das Gleißen der Nacht" befragt hatte, wollte er wissen: „Gibt es Elfen?" Und: „Stimmt es, dass es Elfenbeauftragte in Island gibt?"

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„Warum sind die Deutschen so fasziniert von den Elfen?", fragte Sjón zurück und gab sich dann selbst zur Antwort: „Ein Deutscher kann ja nicht einmal bis zwölf zählen, ohne irgendwann elf zu sagen." Und schlug vor, die Elfenbeauftragte könne ja nach Deutschland kommen, um die Elfen in der deutschen Sprache zu beschützen.

Doch Läpple lässt nicht locker: Er will das mit der Beauftragung der Beauftragten geklärt wissen.

„Es gibt eine Dame in Island, die sich sehr verantwortlich fühlt für die Elfen", hebt der Dichter an, da flüstert ihm seine Frau, die Sängerin Ásgerður Júníusdóttir, etwas zu und Sjón verkündet: „Sie wohnt übrigens in unserer Straße. Wir haben einen Dichter, eine Sängerin und eine Dame, die sich mit Elfen beschäftigt. Sie hat uns gesagt, es gibt viele Elfen in unserer Straße, sie gibt ihnen auch zu essen – das ist kein Problem für uns."

Dann treibt Sjón - ich vermute, er kennt Morgensterns Zwölf-Elf-Gedicht -  noch ein paar Scherze mit der deutschen Elf und Läpple muss einsehen, dass er mehr aus Sjón nicht herausbekommt.

Viele Isländer reagieren etwas genervt, wenn Deutsche sie auf das Thema „Elfenbeauftragte" ansprechen. Unsere Redakteurin Eygló hat bereits 2009 in einer netten Kolumne „Die Rache der Elfenkönigin", die auch auf Deutsch erschienen ist, darauf hingewiesen, dass dieser Titel eine Erfindung des Berliner Künstlers Wolfgang Müller ist. Der hatte in einem Artikel der Frankfurter Rundschau die isländische Klavierlehrerin Erla Stefánsdóttir als „isländische Elfenbeauftragte" bezeichnet (FR, 30.12.1995) und damit eine kleine Lawine losgetreten.

In dem deutschen (weltweit einzigen) Wikipedia-Eintrag zur „Elfenbeauftragten" heißt es nun unter anderem: „Viele Isländer sind der Ansicht, dass Wolfgang Müller vor allem durch sein Interview und seine Vorträge über Island der hellsichtigen (isl. skyggn) Klavierlehrerin zu großer Prominenz und einer einträglichen Nebeneinkunft verholfen hat."

Wie dem auch sei, bereits 2007 hat der Esoterik-Verlag Neue Erde ein Buch von Erla unter dem Titel „Lifssyn min - Lebenseinsichten der isländischen Elfenbeauftragten" veröffentlicht. Im Untertitel des 2011 erschienenen Bandes „Erlas Elfengeschichten" steht nun „isländische Elfenbeauftragte" in Anführungszeichen und der Verlag weist darauf hin, dass dies kein offizieller Titel ist.

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Erla schreibt in ihrer Einführung, sie wolle uns von ihrer „Märchenwelt" erzählen. Das hört sich gut an. Ich liebe die isländischen Volkssagen um Elfen,Trolle, Seeungeheuer, Wasserpferde und Wiedergänger. Und ich pflichte Erla bei: Wir sollten die Natur, deren Teil wir sind, achten und mit ihr in Einklang leben, anstatt sie immer weiter zu zerstören.

Dann aber verwirrt sie mich mit der Aussage, sie, ich und die ganze Erde existiere auf sieben mal sieben Frequenz-Ebenen. Sie bittet mich, zu meditieren und meine innere Wahrnehmung zu stärken, damit ich in mir „dieses märchenhafte Abenteuer der Natur" erleben kann.

Meditieren, mal wieder das abgebrochene Yoga aufnehmen, ist eine gute Idee, denke ich. Doch als ich weiterlese, bin ich froh, dass ich es nicht so weit gebracht habe wie Erla. Denn ich möchte eigentlich nicht, dass mir ständig Hauszwerge vor der Tastatur herumhüpfen oder Blumenelfen auf meinen Zimmerpflanzen tanzen. Das würde mich vom Schreiben abhalten und mir bald ziemlich auf die Nerven gehen.

Pflanzen sind Lebewesen und müssen meiner Ansicht nach nicht extra durch Elfen, Feen oder andere Wesen belebt werden.

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Mit der so genannten unbelebten Natur ist das etwas anderes, und darum faszinieren mich die Wesen, die Felsen, Steine und Erdhügel beleben, ungemein. Die alten isländischen Volkssagen von hilfreichen oder rachsüchtigen Elfen und furchterregenden Trollen sind eng mit der isländischen Natur verbunden und haben auch mich zu einer Geschichte angeregt.

Kein Wunder, dass ich mit meiner puristischen Sicht von Erlas phantastischem Naturwesen-Park überfordert bin: 40 bis 50 Zwergenarten allein in Island, zehn Arten von Lichtelfen, jede Menge Engel, darunter die Mutter Gottes, Feen, Berggöttinnen und so weiter. Erla mixt unbekümmert Esoterik, Christentum, isländischen Volksglauben und fernöstlicher Weltsicht.

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Ich will hier nicht näher auf das allzu bekannte Beispiel von der Straßenumleitung um einen Elfenhügel eingehen. Bei Konflikten zwischen Naturwesen und Menschen gelingt es Erla immer, eine gütliche Einigung zu erzielen.

Mir gefällt, dass sie schlicht und entspannt erzählt und es dem Leser überlässt, zu entscheiden, ob er das für wahre Begebenheiten oder Reisen in Phantasiewelten hält. Die meisten Geschichten – Kindheitserlebnisse, hellsichtige und märchenhafte Begebenheiten – sind idyllisch und streben nach Harmonie. Erlas niedliche Zeichnungen passen dazu.

Man sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass die isländische Natur nur selten lieblich ist. Sie ist unberechenbar und kann erbarmungslos sein. Andererseits, wenn es den Menschen um Macht und Reichtum geht, verhalten sie sich gegenüber der Natur völlig rücksichtslos.

Der Kárahnjúkar-Damm hat beispielsweise ein riesiges, einstmals von Rentieren, Elfen, Kurzschnabelgänsen und Trollen besiedeltes Hochlandgebiet in Ostisland zerstört. Wenn nun Erlas Elfen 2010, drei Jahre nach Fertigstellung, dort „Friedenskreise (Gebetskreise)" errichten, stellt sich mir die Sinnfrage. Wollen sie sich wirklich mit diesem gigantischen Damm aussöhnen, der einzig dazu dient, den Energiehunger einer Aluminiumfabrik zu stillen?

Wer sich für die Person hinter der „Elfenbeauftragten" interessiert, blumige Elfen liebt oder harmonische Vorlesegeschichten sucht, dem sei die Lektüre des Büchlein empfohlen.

Wer lieber etwas deftig Skurriles zum Thema Elfen lesen will, möge sich noch ein bisschen gedulden – mein nächster Beitrag wird sich mit etwas anderer Elfenliteratur beschäftigen. Und die stammt – wie könnte es auch anders sein – von Erlas deutschem Förderer Wolfgang Müller.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – ice@birdstage.net

www.birdstage.net

Erla Stefánsdóttir: Erlas Elfengeschichten 

Aus dem Isländischen von Hiltrud Hildur Guðmundsdóttir

Verlag Neue Erde, 123 Seiten, 11,95 €

Lesen Sie auch den zweiten Teil unserer ELFEN-Besprechung.

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