Der Teufel steckt im Detail (bv)

Views

bernhild_dlAls ich die Meldung über die Kritik des Simon Wiesenthal Center an den vorösterlichen Psalmenlesungen im isländischen Rundfunk RÚV übersetzte, war ich versucht, einen Kommentar anzufügen. Er hätte aber den Rahmen erheblich gesprengt.

Religiös motivierte Judenfeindlichkeit hat das Christentum vom Mittelalter bis in die Neuzeit durchzogen und zur Verfolgung und Ghettoisierung der Juden geführt. Er bildete Basis und Nährboden für den rassistisch begründeten Antisemitismus des 19. Jahrhunderts und letztlich für den Holocaust, den Massenmord an den Juden im 20. Jahrhundert.

Aber war Hallgrímur Pétursson (1614-1674), der bedeutendste Barockdichter Islands, ein besonders eifriger Judenhasser? Oder war er nur ein Kind seiner Zeit, in der die Schuld der Juden an der Kreuzigung Christi zum christlichen Dogma gehörte? Dann würde man ihn korrekterweise als Antijudaisten bezeichnen, da sich seine Vorurteile aus der Religion, nicht aber aus einem damals noch unbekannten „Rasse“-Begriff nährten.

hallgrimur_petursson_bv
Hallgrímur Pétursson. Kirchenfenster in Akureyri. Foto: bv.

Falls seine Passionspsalmen die im Neuen Testament reichlich vorhandenen Antijudaismen besonders drastisch widerspiegeln, sollte die isländische Staatskirche sicherlich darüber diskutieren, wie sie damit umgeht. Das jüdische Volk als Gottesmörder darzustellen, ist mit moderner christlicher Auffassung unvereinbar.

Ich denke aber, dass es in jedem Fall sinnvoll wäre, die Psalmenlesungen im Rundfunk zu kommentieren, um den Zuhörern ein besseres Verständnis der Zeitumstände und des religiösen Kontextes zu ermöglichen.

Meine Isländischkenntnisse sind zu dürftig, um die 50 Psalmen schnell mal auf die beanstandeten Stellen hin durchzusehen. Daher kann ich mir kein abschließendes Urteil bilden.

Aber genau hier liegt ein Problem. Denn auch die Mitarbeiter des Simon Wiesenthal Center scheinen die Passionspsalmen nicht im isländischen Original zu kennen. Aus dem Anhang zum Brief von Rabbiner Abraham Cooper, dem stellvertretenden Leiters des Zentrums, ist ersichtlich, dass sich die Kritik an den „antisemitischen" Stellen in den Psalmen allein auf eine englische Übersetzung stützt.

Diese ist aber keine wörtliche Übersetzung, sondern eine freie Übertragung, die versucht, Rhythmus und Versmaß der Psalmen nachzuempfinden – und in die möglicherweise eigene Vorstellungen des Verfassers eingeflossen sind.

Machen wir die Probe aufs Exempel:

Der 35. Psalm behandelt die Inschrift „Jesus von Nazareth, König der Juden“, die Pilatus am Kreuz anbringen ließ, und die Jesus als Ehrentitel empfand. In dem von Wilhelm Friese herausgegebenen Band „Nordische Barocklyrik“ findet sich eine wörtliche Übersetzung des Psalms. Es ist darin die Rede von „den Machthabern der Juden“, die versuchten, Pilatus zu bewegen die Inschrift wieder zu entfernen. Im 5. und 6. Vers heißt es dann:

5

Ein König der Juden klar und rein

herrscht in göttlicher Kraft.

Dieser allein soll Davids Thron erben,

nie wird sein Reich enden.

Ruhm Israels,

Licht der Heiden,

verheißen seit langem den Vätern.

Ein solcher Titel

ziemte sich wohl,

meine Seele, dass dein Herr ihn empfange.

6

Solche Würde wollten ihn

wütende Juden nehmen.

Hass und Rache brannte in ihnen,

darum sie den Pilatus bitten

diese Worte bald

auf alle Fälle

dort wegzunehmen.

Er sagte nein,

denn das will ihnen

der Herr nicht zugestehen.

Eine der vom Wiesenthal-Zentrum beanstandeten Zeilen (Anfang der 6. Strophe) lautet: „Such honor would the Jews deny / to Jesus, whom they hated“ (Solche Ehre wollten die Juden Jesus, den sie hassten, verwehren).

Worte wie Hass und Zorn kommen im Johannes-Evangelium an dieser Stelle zwar nicht vor, aber wer „Kreuzige ihn" schreit, ist wohl kaum in sanftmütiger Stimmung. Eine besondere Gehässigkeit kann ich diesen Zeilen (im Original wie in der Übersetzung) nicht entnehmen.

Der Teufel aber steckt bekanntlich im Detail. Vielleicht bin ich da etwas hypersensibel, aber es stört mich, dass in der englischen Übersetzung das pauschalisierende „the Jews“ steht, wo im Original von "wütenden Juden" die Rede ist. Aber auch bei Johannes wird ständig so verallgemeinert. Hallgrímur dagegen differenziert im Psalm 35, bezieht sich auf die jüdischen Autoritätspersonen und ihre Gehilfen und nicht auf „die Juden" schlechthin.

Zudem verpackt er (darauf hat der Skandinavistik-Professor Gert Kreutzer im Sammelband „Ostsee-Barock" hingewiesen) in den Psalmen auch eine Menge Zeitkritik und ergreift die Partei der Unterdrückten gegenüber der dänischen Kolonialherrschaft und ihren Helfershelfern, so sicherlich auch in Strophe 7:

7

Den Hochmütigen setzt der Herr eine Grenze

in ihrer dreisten Boshaftigkeit.

Sie gehen so weit wie er es zulässt,

mehr erreichen sie nicht.

All mein Vertrauen

ohne Zweifel

stelle ich stets auf seine Macht.

Was werden mir

dann die Menschen

für Schaden zufügen können?

Doch zurück zur englischen Übersetzung. Eine Stichprobe aus dem 30. Psalm (nun mit eigenem Übersetzungsversuch) fällt äußerst negativ aus:

Die zwei Zeilen „Gyðingafólk þá guðs náð missti, / gafst heiðingjum dýrðarhnoss“ bedeuten: „Jüdisches Volk, das Gottes Gnade verlor / gab Heiden den Preis der Herrlichkeit“. Dabei zeigt der Gegensatz von gyðingafólk und heiðingjar, dem jüdischen (Gottes-)volk und den Heiden (="Nichtjuden)" wiederum, dass Hallgrímur religiöse und keine nationalen Gemeinschaften im Blick hatte. 

In der beanstandeten englischen Übersetzung aber lauten diese Zeilen: „What the Jew foolishly forswore / he makes of us – a chosen race“ (Was der Jude töricht ableugnete, / er macht aus uns – eine auserwählte Rasse).

Hier hat der Übersetzer den Text völlig verfälscht. Ob aus bewusstem Antisemitismus, sei dahingestellt. Aber: „der“ Jude und „Rasse“ – diese Wortwahl gehört eindeutig zum Vokabular des (modernen) Antisemitismus.

Die englische Übersetzung stammt wohl von Arthur Charles Gook. Der 1883 in London geborene Gook war Mitglied der „Open Brethren“, einer freikirchlichen Bewegung, und lebte viele Jahre als Missionar in Island. Als er 1955 nach England zurückgekehrt war, übersetzte er Hallgrímurs Psalmen. Seine Übertragung wurde von der isländischen Staatskirche offiziell anerkannt und herausgegeben. Daran hat sich anscheinend bis heute nichts geändert.

Eine solche „Übersetzung“ schadet meiner Ansicht nach dem Ansehen des Dichters Hallgrímur Pétursson erheblich und wird zu Recht vom Simon Wiesenthal Center beanstandet.  

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 

www.birdstage.net

Views expressed here are the author's own and do not necessarily reflect the opinions of Iceland Review.