Von einem der auszog das Lachen zu lernen

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Von einem der auszog das Lachen zu lernen

eldjarn_gluecklichste-nation_u1_350px„Oh du Waschpulver, das du dort oben im Regal thronst“, das ist keine Zeile aus den Bónus Supermarktgedichten von Andri Snær Magnason -  nein, sie stammt von Þórarinn Eldjárn, einem Schriftsteller der „Generation Spaß“.

In Deutschland assoziieren wir mit Spaßgeneration die 1990er Jahre. In Island aber gehören diejenigen, die der „fyndna kynslóðin“, der isländischen Variante der Spaßgeneration zugerechnet wurden, der Nachkriegsgeneration an, den inzwischen etwa Sechzigjährigen.

Diese lustige Generation, wie ich sie lieber nennen möchte, bestand hauptsächlich aus einer Handvoll junger Literaten. Die Sternstunde dieser Gruppe, die keine Gruppe war, soll eine spektakuläre Dichterlesung am 17. Januar 1976 gewesen sein, bei der sich 1.300 oder mehr Menschen im Háskólabíó in Reykjavík einfanden.

„Diese Bewegung, wenn man das überhaupt so nennen kann, entstand, als Dichter wie Pétur Gunnarsson, Steinunn Sigurðardóttir, Sigurður Pálsson und ich anfingen, unsere Bücher zu veröffentlichen. Richtig Futter bekam das Ganze, als Pétur Gunnarsson seinen Roman punkt punkt komma strich herausbrauchte. Bis dahin dominierte in der isländischen Literatur die Vorstellung, dass Literatur, und vor allem Lyrik, immer ein wenig feierlich sein müsste, etwas Bemerkenswertes und Erhabenes darstellen sollte.“ erzählte Þórarinn Eldjárn im Gespräch mit Pétur Blöndal (Sagenhaftes Island: Isländische Literatur der Gegenwart. 22 Autoren im Gespräch, Reykjavík 2011.)

Þórarinn glaubt, es war der Kritiker und Schriftsteller Jóhann Hjálmarsson, der den Begriff „fyndna kynslóðin“ prägte.

 

Eigentlich hatten sie sich mehr als „böse Dichter“ verstanden, denn sie wollten die Literatur entstauben und schreckten vor Umgangssprache und Tabuworten nicht zurück. Doch Witz und Humor kamen besonders bei Þórarinn nicht zu kurz.

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Þórarinn Eldjárn. Foto: Kristinn Ingvarsson.

Beginnen Sie die Lektüre von Þórarinn Eldjárns „Die glücklichste Nation unter der Sonne“ auf Seite 71 mit der Kurzgeschichte „Lachen erwünscht“. Sie handelt von einem Bankbevollmächtigten, der in den Kaffeepausen für lustige Unterhaltung sorgt, selbst aber nicht lachen kann.

Þórarinn schrieb die Geschichte von einem, der auszog das Lachen zu lernen, im Jahre 1974, also zur Hoch-Zeit der lustigen Generation. Gleich anschließend finden Sie „Die Geisterstadt“ aus dem Jahr 2009. Geschrieben also in einer Zeit, in der garantiert allen isländischen Bankern das Lachen abhanden gekommen war.

Und auch Þórarinns Humor ist bitter geworden. Er beschreibt in „Geisterstadt“ eine absurde Szenerie – gespenstisch menschenleere Neubaugebiete mit riesigen Kränen, die Galgen gleichen. Keine Erzählung, eher eine essayistische Bestandsaufnahme des isländischen Wirtschaftswunders und seines Endes.

Der Titel des Bandes ist der Glosse „Die Zauberformel“ entnommen. Die Formel ermöglicht es den Isländern, immer und überall an der Weltspitze zu stehen – eine sehr vergnügliche und treffende Betrachtung. Mit Stereotypen über die isländische Mentalität spielt auch die lustige Geschichte „Die Taschenkrise“.

Unter den Kurzgeschichten ist „Die Hohnstange“ mein Favorit. Hier prallt das traditionelle Island auf das moderne, aber dennoch um den Erhalt der Tradition bemühte Island. Den erbarmungslosen Kampf, der mit traditionellen, rein verbalen Waffen ausgefochten wird, gewinnen zwar die Jungen, sie können aber ihren Sieg vor lauter Gewissensbissen nicht auskosten. Köstlich.

Mit dreizehn Geschichten und Essays aus 35 Jahren stellt sich der in Island äußerst beliebte Schriftsteller dem deutschen Publikum zum ersten Mal vor – sieht man von ein paar Gedichten und Geschichten in Sammelbänden ab.

Þórarinn ist ein vielseitiger Autor und hat neben Kurzprosa, Romanen, Theaterstücken Kinder- und Sachbüchern auch mehrere Gedichtbände für Kinder und Erwachsene veröffentlicht.

„Hoffentlich gelingt es mir irgendwann einmal, einen Gedichtband zu schreiben, der Kinder und Erwachsene gleichermaßen anspricht“, sagte er im Gespräch mit Pétur Blöndal. Das Gedicht „Jedermanns Anzug“, das sich im Sammelband Isländische Lyrik findet, taugt sicherlich für so einen Band: Das altes Jackett beklagt sich über die abgetragene Hose und umgekehrt.

Þórarinns historischer Roman Brotahöfuð spielt wie Sjóns Gleißen der Nacht im 17. Jahrhundert und stellt uns den Dichter und Gelehrten Guðmundur Andrésson (1615 – 1654) vor, der 1649 im Blauen Turm, einem Gefängnisturm am königlichen Schloss in Kopenhagen, inhaftiert war und mit Hilfe von Professor Worm, der auch in Sjóns Roman eine wichtige Rolle spielt, wieder frei kam.

Brotahöfuð (Der Blaue Turm) ist in mehrere Sprachen übersetzt worden, leider aber noch nicht auf Deutsch erschienen.

Der schöne Band Die glücklichste Nation unter der Sonne weckt hoffentlich auch die Lust der deutschen Verleger auf mehr von Þórarinns Geschichten. Erschienen ist er im Conte Verlag, einem seit zehn Jahren bestehenden Verlag aus Saarbrücken, der „Grenzüberschreitendes und Unterhaltendes“ in den Mittelpunkt seines literarischen Programms (conte heißt Märchen, Erzählung auf französich) gestellt hat.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 

www.birdstage.net

Thórarinn Eldjárn

Die glücklichste Nation unter der Sonne. Geschichten aus Island.

Aus dem Isländischen von Coletta Bürling.

Conte Verlag, 166 Seiten, 14,90 Euro.

Hier finden Sie Informationen über Autor und Werk, und hier ein Autorenportrait von Sagenhaftes Island.

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