Die Leselust wecken

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Die Leselust wecken

Kinder und Jugendliche lesen immer weniger – insbesondere die Jungs. Diese Klage erhebt sich europaweit. Da die nordischen Länder immer die besten Bildungssystem-Noten bekommen, ist ein Blick auf ihren Umgang mit der leseunlustigen Jugend sinnvoll.

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Isländische Kinderbücher auf der Leipziger Messe. Foto: bv

Zwei Seminare am Rande der gerade zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse, die als Schwerpunkt auch die Kinder- und Jugendbildung hatte, beschäftigten sich mit der Leseförderung in den nordischen Ländern.

Ich schreibe „am Rande“, weil die Veranstaltungen leider keineswegs gut besucht war.

Marianne Eskebæk Larsen vom Zentrum für Kinderliteratur an der Universität Aarhus und Kristin Ørjasæter, Direktorin des Nordischen Kinderbuchinstitutes in Oslo, stellten exemplarische Kinderbücher aus Dänemark und Norwegen vor und berichteten, dass sich auch ältere Jungen am ehesten von bebilderten Büchern angesprochen fühlen.

Also nur Comics und Mangas für Heranwachsende? Warum eigentlich tauchen die Jungs lieber in Fantasiewelten ab? Weil ihre realen Probleme ohnehin nicht zur Sprache kommen?

autofocus_coverAuf den Jugendroman Autofokus von Martin Joyce Nygaard stieß ich auf der Buchmesse mehr oder weniger zufällig. Bezeichnenderweise nicht bei einem der großen Jugendbuchverlage, sondern am winzigen Stand des engagierten Abentheuer Verlages aus Berlin.

Der norwegische Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Pubertätsnöte des vierzehnjährigen Moritz Motte geht. Die ersten Entwürfe zu seiner autobiographisch geprägten Jugendbuchtrilogie („Autopilot“ und „Autonom“ heißen die Folgebände) entwickelte Nygaard bereits im Alter von 16.

Die körperlich-seelischen Verunsicherungen männlicher Jugendlicher sind immer noch Tabuthemen. Männer, die sie authentisch beschreiben könnten, sind rar unter den Kinder- und Jugendbuchautoren. Romane wie „Autofokus“ (falls es noch andere vergleichbare geben sollte) sind auch für Mädchen eine erhellende Lektüre, um zu verstehen, warum hormongesteuerte Jungs oft nicht ganz richtig ticken.

Doch zurück zu den Fachvorträgen.

Auch auf der Sagainsel, die sich mit ihrer langen Literaturtradition brüstet, lässt die Leselust der Jugend nach. Das konstatierte Kristín Steinsdóttir, Autorin und Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbandes, in ihrem Vortrag. Kristín hat früher selbst als Lehrerin gearbeitet und viele Kinderbücher verfasst.

Sie wies darauf hin, dass sich vor 50 Jahren niemand darüber aufgeregt habe, wenn einige Kinder in einem isländischen Fischerdorf in ihrer Freizeit nicht lasen.

Aber: „Die Zeiten ändern sich. Wir haben lange geschlafen und das Problem ignoriert. Jetzt sind wir schlaflos.“

Die isländische Statistik zum Leseverhalten von Kindern beginnt im Jahre 1968. Damals lasen noch 89 Prozent der Kinder außerhalb der Schule. Gut vierzig Jahre später sind es nur noch 67 Prozent.

Besonders dramatisch ist der Schwund der Leselust in der Pubertät. Zwischen 2007 und 2010 stieg der Anteil der nichtlesenden Sekundarschüler von 35 auf 45 Prozent bei den Jungens und bei den Mädchen von 26 auf 40 Prozent.

Zwar können die Kinder lesen, aber ein Viertel aller männlichen Grundschüler verstehen Texte (z.B. mathematische Textaufgaben) nicht richtig.

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Kristín Steinsdóttir auf der Leipziger Buchmesse 2012. Foto: bv.

Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Die Leselust (isländisch: yndislestur) wird vorrangig im Elternhaus geweckt. Je besser die Ausbildung der Mutter, desto eher lesen die Kinder, sagt die isländische Statistik.

Das ist keine Frage des Geldes, auch wenn die Kinderbücher in den letzten Jahren um 30 Prozent teurer geworden sind: Im Gegensatz zu anderen Länder lesen gerade die Kinder von reichen Isländern wenig – ob die Eltern keine Zeit haben oder mangelhaft ausgebildet sind, muss laut Kristín offenbleiben.

Und weitere Untersuchungen in Island haben erwiesen: Es besteht eine deutliche Korrelation zwischen Rauchen, Trinken und Nichtlesen bei Jugendlichen.

Allgemein gelte Sport als Vorbeugung gegen jugendliches Fehlverhalten (Drogen, Kriminalität etc.), sagt Kristín und fordert, dass auch das Lesen als ein solches Präventivmittel anerkannt wird.

Und hier kommt dann doch der Faktor Geld ins Spiel. Die Etats der Schulbibliotheken, die infolge des krisenbedingten Sparzwanges zur Hälfte zusammengestrichen worden sind, müssten dringend wieder aufgestockt werden.

In Island sind Bücher sicherlich in größerem Umfang selbstverständlicher Bestandteil von Freizeit und Familienleben als in anderen Ländern. Welchen Beitrag aber können Schule und außerschulische Bildungseinrichtungen überhaupt zur Förderung der Leselust leisten? Solche Fragen, die in Deutschland ganz besonders drängend sind, konnten in dem Seminar leider nicht diskutiert werden.

Ein eindrucksvolles Beispiel aber lieferte eine Veranstaltung in der Leipziger Oper. Vier Grundschulklassen aus einem benachteiligten Stadtteil ließen sich bei einer Vorlesestunde mit Musik von Maximus Musikus, dem musikalischen Mäuserich aus Island, verzaubern. Solch ein geballter Ohren- und Augenschmaus kann eine neue Welt eröffnen – eine Welt des Kunstgenusses, in der die Leselust ihren besonderen Platz einnimmt.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 

www.birdstage.net

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