Wir werden DREI (bv)

Views

bernhild_dlDer Babyspeck ist weg! Wir feiern den dritten Geburtstag der deutschen Iceland Review Online.

Die Geburt hatte ich verpasst. Ich war zwar in Island, aber vom Geburtsort am Borgartún in Reykjavík so weit entfernt wie es nur irgend geht. Im äußersten Osten Ostislands.

Am Vorabend hatte ich mit großer Spannung den Ausgang der ersten Wahlen nach der Krise verfolgt. Die Unabhängigkeitspartei, die am meisten mit den Krisenverursachern verbunden war, war abgewählt.

Auch die Sozialdemokraten hatten ihren Anteil am blauäugigen Schlittern in den beinahe-Staatsbankrott gehabt – sie würden nun zusammen mit den Linksgrünen eine Koalition bilden.

Die Freude über den kommenden Wechsel war verhalten. Irgendwie ahnte man, wie so etwas ausgehen wird: Die den Karren aus dem Dreck zu ziehen versuchen, werden dreckig und niemand dankt ihnen den Einsatz.

birthday01_bv

Dreck und Matsch gab es in jenen Tagen reichlich. Dazu jede Menge Schmelzwasser und pappigen Schnee. Dennoch war alles in Frühlingslaune.

Die Pferde in ihrem struppigen Winterfell traten die einsinkenden Zäune ganz nieder, verfingen sich ab und an heillos mit ihren Hufen im Draht, hatten sich aber wundersamerweise selbst befreit, bevor man Hilfe geholt hatte.

birthday02_bv

Frühmorgens brachen sie in den Vorgarten ein und äppelten erst einmal kräftig ab.

Das erste Fohlen war vier Tage zuvor pünktlich am ersten Sommertag auf die Welt gekommen. Die Bekassine beäugte alles misstrauisch von ihrem Aussichtspfosten.

birthday03_bv

Am 27. April 2009, während Eygló und ihre Praktikantin Jennifer Zoltek Geburtshilfe bei der deutschen Iceland Review leisteten und die erste Nachricht mit der Überschrift  „Island hat gewählt: Die Ergebnisse stehen fest“ online stellten, begab ich mich von Húsey nach Borgarfjörður eystri.

Hier fand gerade das erste regionale Thing der Papageientaucherkolonie statt, bei dem neben Koalitions- vor allem territoriale Fragen zur Diskussion standen. 

birthday04_bv

Meine Anwesenheit interessierte die an Land so tollpatschigen Vögel, die gerade bei ihrem Brutfelsen eingetroffen waren, nicht. Sie sind unverbesserliche Optimisten: Auch dort, wo sie gejagt und gegessen werden (was in Ostisland glücklicherweise nicht der Fall ist) haben sie keine Scheu vor dem Menschen.

Den Menschen geht der Optimismus schneller abhanden. Und ihr Zorn verraucht.

 

Die Kochtopfrevolution ein paar Monate zuvor war kurz und heftig gewesen und hatte sich vorwiegend in Reykjavík abgespielt.

Im Vorkrisenjahr hatte ich Reykjavík besucht, aber die Stadt war mir fremd geblieben. Ich hatte mich in den wichtigsten Museen umgesehen und nun, beim dritten Aufenthalt in Island, gab es für mich keinen Anlass, die Hauptstadt zu besuchen.

Ich bekam sogar den Eindruck, Reykjavík befände sich in einem anderen Universum. Denn die Kluft zwischen Stadt und Land war unübersehbar.

birthday05_bv

Verärgerte Kommentare waren auf dem Land zu hören: Die Landbevölkerung habe keinen Anteil am Boom gehabt – sollen die Reykjavíker doch ihre kreppa-Suppe alleine auslöffeln!

In Reykjavík hätten sich junge Leute zuhauf Häuser und Jeeps auf Pump gekauft, dort sei der Champagner geflossen, dort hätten sich die Reichen und die Schönen amüsiert, bis die Bankenblase platzte und die kreppa, die Krise zuschlug.

Auf dem Land stieß auch die erklärte Absicht der Sozialdemokraten, Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union zu beginnen (dazu die zweite Meldung der deutschen IR), auf entschiedene Ablehnung.

Die bäuerliche Bevölkerung schien sogar von der Krise zu profitieren, denn die Nachfrage nach einheimischen Lebensmitteln war infolge der hohen Importpreise erheblich gestiegen.

Es zog mich nicht nach Reykjavík im Frühling 2009. Doch Eygló informierte mich von der Geburt der deutschen Iceland Review – ein Projekt, mit dem sie schon bei unserem ersten Treffen im Herbst 2007 geliebäugelt hatte.

Als sie dann mit Jennifer eine deutsche Praktikantin bekam, war die Gelegenheit günstig. Doch das Praktikum endete nach ein paar Wochen. Was nun?

Nach und nach stiegen wir ein, Dagmar, Gabriele und ich – wer Näheres über die ersten Schritte der deutschen Iceland Review wissen will, kann es auf der Internetseite des deutsch-isländischen Netzwerkes nachlesen, wo unser Projekt Thema des Monats April sein durfte.

Nicht nur, weil in Reykjavík die Iceland Review ihren Sitz hat, nicht nur, weil es dort inzwischen eine Menge Bekannte und Freunde gibt, nein, auch die Stadt selbst übt inzwischen auf mich eine starke Anziehungskraft aus.

Ich kann mir nicht mehr vorstellen, einen Bogen um Reykjavík zu machen. Immer gibt es Interessantes zu entdecken, immer findet irgendein Festival statt. Wenn ich Mitte Mai dort eintreffe, komme ich zum Reykjavík Arts Festival gerade recht.

Vor ein paar Tagen bin ich mit der Fähre in Seyðisfjörður angekommen und schicke von hier aus sonnige Geburtstagsgrüße nach Reykjavík.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 

www.birdstage.net

 

Views expressed here are the author's own and do not necessarily reflect the opinions of Iceland Review.