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Im Kraftzentrum der Krafla (bv)

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bernhild_dlMývatn-Saga, Teil 2

Einer der Landeigner hat mich zur Krafla mitgenommen, wo ein Meeting mit Vertretern des staatlichen Energiekonzerns Landsvirkjun stattfinden soll. Thema ist das geplante 90-MW-Kraftwerk am Bjarnarflag. Ich will versuchen, nach dem Treffen einen Vertreter von Landsvirkjun zu finden, der mir einige Fragen zu dem neuen Kraftwerk beantworten kann. Erst einmal aber habe ich drei Stunden Zeit.

Krafla ist kein Vulkan im klassischen Format, sie ist nur 818 m hoch und ihre Caldera hat einen Durchmesser von fast zehn Kilometern.

Das Kröfluvirkjun (Krafla-Kraftwerk), das heute 60 MW liefert, hatte erhebliche Startschwierigkeiten, denn der Vulkan reagierte empfindlich. Die Eruptionen, die so genannten Krafla-Feuer, hielten von 1975 bis 1984 an und zerstörten etliche Bohrlöcher im Krafla- und Bjarnarflaggebiet.

myvatn2_01_bvKröfluvirkjun.
Während mein Chauffeur in den Versammlungsraum in einer der Baracken geht, marschiere ich auf das Kraftwerk zu. Links liegt das rostrote Turbinenhaus, rechts die Kühltürme. Die Architektur ist funktional und schnörkellos.

Durch das ganze Gelände führen Rohre, quer über die Straße und zu den Bohrlöchern an den Hängen.

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Oberhalb der Werksanlage genieße ich die herrliche Aussicht auf die schneebedeckten Berge des Hochlandes. In diese Kulisse fügt sich auch das dampfende Kraftwerksareal gut ein.

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Auf dem Parkplatz zum Solfatarengebiet Leirhnjúkur ist die Informationstafel seit Jahren leer. Hier kann man neben blubbernden Schlammtöpfen und bunt schillernder Erde die noch immer heißen Lavafelder, unheimliche Hinterlassenschaft der Krafla-Feuer, besichtigen.

Wie lange noch? Was wird aus dem Gebiet, wenn Krafla II realisiert wird, das die Leistung von 60 auf 150 MW erhöht?

Auf dem Weg zum Kratersee Víti komme ich an dem Isländischen Tiefbohrprojekt (IDDP) vorbei. Vor zwei Jahren machte der austretende Dampf einen Höllenlärm; nun ist es hier deutlich leiser.

myvatn2_05_bvVor dem Tiefbohrloch.

Eine Informationstafel erklärt, wer an diesem 2008 begonnenen und inzwischen abgebrochenen Experiment beteiligt war: Die drei großen isländischen Energiekonzerne (Landsvirkjun, HS Orka, OR) und die staatliche Energiebehörde. Außerdem der norwegische Ölkonzern Statoil und selbstverständlich der US-Aluminiumkonzern Alcoa, der an möglichst viel Energie für das inzwischen aufgegebene Projekt Bakki interessiert war.

In einer Tiefe von 2.100 m hörte man auf zu bohren (geplant waren 4.500 m). Der austretende Dampf ist 400°C heiß, aber so aggressiv, dass er derzeit nicht nutzbar ist und nun buchstäblich verpufft.

Zur Mittagszeit finde ich mich wieder vor den Baracken ein und werde in die Kantine gebeten. Ein Angestellter des Kraftwerkes weiß nicht so recht, was er mit mir anfangen soll und widmet sich seiner Mahlzeit. Schließlich erklärt er, er fühle sich nicht zuständig, Auskunft zum Bjarnarflag-Kraftwerk zu geben und verschwindet.

Ich warte geduldig. Mein Chauffeur und die anderen Landeigner sind längst zu einer internen Besprechung ins 15 Kilometer entfernte Reykjahlíð zurückgefahren.

myvatn2_06_bvDie Kantine des Kröfluvirkjun.

Schließlich nimmt sich Steinn meiner an. Der leitende Angestellte des Kröfluvirkjun kann nicht offiziell für Landsvirkjun sprechen, weiß aber über das Projekt am Bjarnarflag bestens Bescheid.

In zwei Schritten soll das Kraftwerk am Bjarnarflag ausgebaut werden, berichtet er mir. Erst einmal sind 45 Megawatt geplant.

Was geschieht mit dem Abwasser? – Diese Frage brennt mir unter den Nägeln, denn auch hier im Kraflagebiet traf ich überall auf dampfende Bäche, Tümpel, Sickerwasser.

„Wir pumpen inzwischen bereits 60 Prozent des geothermalen Abwassers zurück, und zwar in Tiefen von etwa 1.000 m, unterhalb des Grundwassers. Haben Sie das rote Gebäude auf der anderen Seite der Straße gesehen? Auch beim geplanten Bjarnarflagsvirkjun soll das Abwasser zurückgepumpt werden.“

myvatn2_07_bvDie Pumpstation.

Ich frage, ob man sich damit nicht dieselben Probleme schafft wie beim Kraftwerk Hellisheiði in Südwestisland, wo die Reinjektion der Abwässer immer wieder zu Erdbebenschwärmen führt. Solche menschengemachten Beben haben u. a. bei Basel dazu geführt, dass geothermale Projekte aufgegeben werden mussten.

„Das kann nicht passieren, sagen unsere Fachleute; die geologischen Formationen sind hier anders als bei Hellisheiði“, erhalte ich zur Antwort.

Ich frage mich, ob es in einer vulkanisch so aktiven Zone wie dem Kraflagebiet überhaupt so etwas wie stabile geologische Verhältnisse gibt, die solch eine sichere Prognose erlauben. Doch ich bin blutiger Laie und muss mich mit dieser Antwort erst einmal zufriedengeben.

Ich spreche die Luftverschmutzung an. Ja, man versuche sie durch Filter zu begrenzen, überwache und messe ständig Luft- wie Wasserqualität. Sollten die Grenzwerte überschritten werden, werde man handeln.

myvatn2_04_bvAbwassersee beim Kröfluvirkjun.

Ich frage nach dem Sinn der Energieaufrüstung. Das sei eine Frage an die Politik, die die Vorgaben macht, sagt Steinn. Landsvirkjun sei nur die ausführende Institution und stelle lediglich die Energie bereit – ob für eine Aluminiumschmelze oder ein anderes Werk.

Unser Gespräch gleitet ab in Grundsätzliches: Natur versus Technik, Industrie und Tourismus. Wie viel Energie braucht Island? Immer neue Energiequellen erschließen oder den Energiebedarf durch umweltbewussteres Handeln einschränken? Sparsamer Umgang mit den Energieressourcen oder maximale Ausnutzung?

Ich habe kein Aufnahmegerät dabei und mache mir nur wenige Notizen. Steinn ist ein offener und angenehmer Gesprächspartner, auch wenn die Meinungen auseinandergehen. Zum Schluss bietet er mir eine Führung an und natürlich lasse ich mir das nicht entgehen.

myvatn2_08_bvDas Turbinenhaus.

Im Turbinenhaus wird es ein Besucherzentrum geben. Aber noch hat die Touristensaison nicht angefangen und der Raum gleicht halb einer Baustelle, halb einer Gerümpelkammer. Wir steigen ein paar Treppen hoch und werfen einen Blick hinunter in den Turbinenraum – höllisch laut und menschenleer.

Auch im Überwachungszentrum ist kein Mensch. Am Bildschirm erklärt mir Steinn noch einmal anschaulich das Prinzip des Geothermalkraftwerks.

Zum Antrieb der Turbinen, die den Strom produzieren, wird trockener Dampf benötigt. Also muss der Dampf aus den Bohrlöchern zuerst von seinen Wasseranteilen geschieden werden. Abgekühlt verlässt er später die Kühltürme. Wird ein Geothermalkraftwerk nur zur Stromerzeugung verwendet, arbeitet es nicht sehr effektiv. Ein großer Teil der Wärme verpufft oder verrinnt ungenutzt.

Natürlich wäre es möglich, in der Region Gewächshäuser zu bauen und mit Erdwärme zu beheizen, sagt Steinn, als wir in seinem Jeep Richtung Mývatn fahren. Denn die spontane Besichtigungstour beinhaltet auch das alte Bjarnaflag-Kraftwerk und das Baugelände, auf dem ich mich bereits am Vortag umgesehen hatte. Aber, so fährt er fort, da muss dann auch jemand sein, der solch ein Gewächshausunternehmen projektiert und finanziert.

myvatn2_09_bvBauplatz des neuen Bjarnarflag-Kraftwerkes.

Der Jeep holpert an ein paar Kartoffelbeeten vorbei, die Dorfbewohner auf der warmen Erde angelegt haben. Auch eine provisorische Freiland-Bäckerei gibt es hier – Lavabrot ist eine berühmte Spezialität am Mývatn.

„45 MW, das hört sich mehr an, als es ist“, meint Steinn. „Schon jetzt werden nicht nur drei, sondern 20 MW gefördert, sie werden nur noch nicht genutzt.“

Wenig später stehe ich vor meiner Unterkunft in Reykjahlíð. Steinn hat es sich nicht nehmen lassen, mich vor meiner Herberge abzusetzen.

Vor einem der Nachbarhäuser machen die Landeigner gerade Pause. Ihre interne Besprechung ist noch lange nicht zu Ende. Wie werden sie sich zum geplanten Kraftwerk verhalten?

Darüber will ich im dritten Teil meiner Mývatn-Saga berichten.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Teil 1: Schafes TodTeil 3: Krieg gegen oder für das Land?

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