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Skaftáfeuer

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Skaftáfeuer

skaftafeuer_coverGuðmundur Magnússon war ein außergewöhnlich guter Bergsteiger. Vulkane faszinierten ihn, und wenn einer ausbrach, musste er sich ihm so weit wie möglich nähern. 1913 hatte ihn das Feuer der Hekla angezogen. Und im November 1918 brach der Fünfundvierzigjährige auf, um die Folgen des Ausbruchs der im Mýrdalsjökull verborgenen Vulkans Katla zu studieren.

Er hatte die erste Eruption am 12. Oktober schon von Reykjavík aus beobachten können. Nachts erhellten die Blitze aus der Aschenwolke die Gassen Reykjavíks, doch am folgenden Tag versperrte schwarzer Nebel den Blick auf die Rauchsäule. Katla wütete drei Wochen lang.

Aus dem Mýrdalssandur, dem schwarzen Sandmeer östlich von Vík, erheben sich zwei Berge wie Inseln: Die etwas weiter im Landesinneren gelegene Hafursey (582 m) und der meernahe Hjörleifshöfði (221 m). Hier stürzten die Wasserfluten der Gletscherläufe vorbei und trudelnde Eisberge zerschellten an den Felsen. Die Bewohner des Hofes Hjörleifshöfði hatten in den ersten Tagen des Katla-Ausbruchs um ihr Leben gebangt.

Drei Tage nach Rückkehr von seiner Katla-Expedition lag Guðmundur auf dem Totenbett. Doch nicht der Vulkan hatte ihn getötet. Katla hatte Land verheert, Vieh getötet und etliche Höfe zerstört, aber kein einziges Menschenleben genommen.

Der Tod war als blinder Passagier angereist. Acht Tage nach dem Ausbruch der Katla war er im Hafen von Reykjavík gelandet. Es war der 19. Oktober 1918, der Tag, an dem die Isländer - sicher viele mit tränenden und von der Vulkanasche gereizten Augen - dennoch hoffnungsfroh zur Volksabstimmung eilten, um den neuen Unionsvertrag mit Dänemark zu bestätigten. Der Tod schlich umher und wählte sich seine ersten Opfer.

Der Erste Weltkrieg hatte Island kaum negativ berührt, ja seine Schritte auf dem Weg zur Unabhängigkeit eher befördert. Nun an seinem Ende schlug die Weltepidemie Spanische Grippe zu. Man schätzt, dass ein Drittel aller Isländer an dem Influenzavirus erkrankte. Fast 500 Menschen fielen ihr zum Opfer.

Der 1873 in Nordostisland geborene Guðmundur hatte als Knecht und Fischer gearbeitet, bevor er in Seyðisfjörður eine Druckerlehre absolvierte. In Reykjavík wirkte der Buchdrucker anschließend auch als Schauspieler und Bühnenbildner. Ein Staatsstipendium ermöglichte ihm 1903 eine längere Europareise. Unter dem Pseudonym Jón Trausti veröffentlichte er zahlreiche Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke. Er gilt als der bedeutendste Vertreter des isländischen Realismus und erfreute sich als Chronist der untergehenden bäuerlichen Gesellschaft großer Beliebtheit beim isländischen Lesepublikum.

skaftafeuer_jon_traustiGuðmundur Magnússon (Jón Trausti). Zeichnung von Tryggvi Magnússon (Icelandic Lyrics, RKV 1930)

Der erste Band Holt og Skál von Jón Traustis Sögur frá Skaftáreldi, der Geschichte des Skaftáfeuer, erschien 1912 in Reykjavík. Der Roman beginnt im Mýrdalssandur, den der jugendliche Held Vigfús im milden Frühjahr 1783 zu Fuß in östlicher Richtung durchquert.

Er ist in Gedanken bei seinem Vater, von dessen Tod er kürzlich erfahren hat. Wegen eines Einbruchs in Eyrarbakki war dieser zu lebenslanger Zwangsarbeit auf Brimarholm (Bremerholm), einem Inselgefängnis bei Kopenhagen, verurteilt worden.

Am Inselberg Hafursey macht Vigfús Rast und trifft auf den Landstreicher Olaf. Zusammen machen sie sich auf den Weg nach Holt in der Gemeinde Siða (am heutigen Nordrand des Lavafeldes Eldhraun), wo Vigfús und seine Stiefmutter Guðfinna leben. Der Pfad führt an dem reichen Hof Skál vorbei, auf dem die junge Guðrun wohnt ...

skaftafeuer_heklugosiDer Ausbruch der Hekla 1913. Bleistiftzeichnung von Guðmundur Magnússon. (Q: Lesbók Morgunblaðsins, 10.12.1939, timarit.is)

Jón Trausti nimmt sich viel Zeit für die Beschreibung der Landschaft. Diese wird, das weiß jeder Leser spätestens aus den Klappentext, dramatischen Veränderungen ausgesetzt. Pfingsten 1783 brachte Island den wohl verheerendsten Vulkanausbruch seit der Besiedlung und Europa eine Periode von Dunkelheit, Mißernten und Hungersnot.

Der Ausbruch der 25 km langen Lakispalte (Lakagígar) an der Westflanke des Vatnajökull mit ihren über 120 Kratern wird in Island Skaftáreldur (Skaftáfeuer) genannt. Das Wasser in Teilen des verzweigten Gletscherflusses Skaftá begann zu kochen, verdunstete und in das Flussbett ergoss sich ein glühender Lavastrom.

Jón Trausti konzentriert den Roman auf die erste und für die Gemeinde Síða folgenschwerste Zeit des Ausbruches. Bei der detaillierten Beschreibung der Ereignisse stützt er sich auf die Berichte von Pfarrer Jón Steingrímsson (1728-1791), dem wichtigsten Chronisten der Katastrophe.

Susanne Beug, Lehrerin im südisländischen Hella, hat Jón Traustis Roman vor über zwanzig Jahren ins Deutsche übersetzt und im Selbstverlag veröffentlicht. Nun ist Skaftáfeuer auch in Deutschland erschienen.

Eine farbige Karte am Ende des Bandes zeigt, wie der westliche der zwei gewaltigen Lavaströme über die Schlucht der Skaftá (Skaftárgljúfur) nach Süden floss. Da es keine Legende zur Karte gibt, sollte man zur besseren Orientierung eine aktuelle Karte hinzuziehen. Hilfreich sind der Anmerkunggsapparat und biographische Angaben zu Bewohnern des Hofes Skál und zu Pfarrer Jón Steingrímur, dessen berühmte Feuerpredigt von Jón Trausti eindrucksvoll in Szene gesetzt wird.

Die Jugendjahre des Feuerpredigers hat übrigens der Schriftsteller Ófeigur Sigurðsson im Roman Skáldsaga um Jón verarbeitet, für den er 2011 den Literaturpreis der Europäischen Union erhielt. Es ist zu hoffen, dass es nicht wie bei Jón Trausti 100 Jahre braucht, bis uns eine Übersetzung des Buches von Ófeigur erreicht.

Bernhild Vögel[email protected]www.birdstage.net

Jón Trausti: Skaftáfeuer. Übersetzt von Susanne Beug.Niebank-Rusch-Fachverlag 2012, 260 Seiten, 17 Euro.

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