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Blaubeeren und Vanilleeis

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Blaubeeren und Vanilleeis

blaubeeren_coverWie schön, bei einer Buchbesprechung mal Klartext schreiben zu dürfen, das heißt mehr über den Inhalt verraten zu können als sonst. Denn diesmal geht es um ein Kinderbuch für die Altersgruppe 7+ und die liest erfahrungsgemäß noch keine Iceland Review Online.

Und so darf ich verraten, dass es bei Blaubeeren und Vanilleeis kein klassisches Happyend gibt, denn der Versuch des achtjährigen Tumi, seine Mutter zu verkuppeln, scheitert auf der ganzen Linie. Und dennoch: „Alles ist an seinem Platz“, wie Mama Lolla zum Schluss bemerkt.

Die in Deutschland kaum bekannte Guðrún Helgadóttir schreibt seit fast 40 Jahren Kinderbücher, die in Island und allen nordischen Ländern bei Alt und Jung beliebt sind.

Guðrún wollte eigentlich zur Leipziger Buchmesse kommen, um im Rahmen von Leipzig liest Kindern das gerade bei Dressler erschienene Buch vorzustellen. Aber das hatte leider nicht geklappt und so blieb die 77-jährige Grande Dame der isländischen Kinderliteratur zu Hause.

Ihr erstes und immer noch taufrisches Buch aus dem Jahre 1974 Jón Oddur og Jón Bjarni erschien in vielen Auflagen und Übersetzungen und wurde sogar verfilmt. 1981 hatte der Hermann Schaffstein Verlag in Dortmund die frechen Zwillingsabenteuer unter dem Titel Jon und Jan herausgebracht.

Blaubeeren und Vanilleeis, das zweite ins Deutsche übersetzte Buch von Guðrún, ist in Island unter dem Titel Bara gaman (Nur spaßig) im Herbst 2008 herausgekommen. Damals hatten Eltern viel Zeit zum Vorlesen, denn die Wirtschaft war zusammengekracht und hatte viele arbeitslos gemacht.

bara_gaman_cover

Da kam die Geschichte um eine Mutter, die sich mit ihren drei Kindern durchschlägt, gerade recht. Gemessen am Vorkrisen-Standard sind Lolla und ihre Kinder arm. Die Tonarbeiten der Kunsthandwerkerin Sólveig (wie Lolla richtig heißt) ermöglichen nur ein unregelmäßiges Einkommen, das noch dazu oft aus Naturalien besteht.

So warten Tumi und seine ein Jahr jüngere Schwester Vildís sehnsüchtig auf einen eigenen Computer, wie ihn alle Nachbarskinder längst haben. Während Tumi nach einem Zweitvater Ausschau hält, missfällt es der sparsamen Vildís, dass sich Tumis Freunde ständig in ihrer Küche satt essen. Nur die vierjährige Vala hat keinerlei Sorgen.

Küche, Keller und Garten üben einen unwiderstehlichen Reiz auf die Kinder der reichen Nachbarn aus. Denn der Wallhof (Bakkabær), auf dem die vier leben, ist ein alter Bauernhof und besteht aus mehreren Holzhäusern. In der ehemaligen Scheune hat Lolla ihre Töpferwerkstatt eingerichtet. Hinter dem großen Garten beginnt die Lava mit wunderschönen Höhlen. (Leider übernehmen deutsche Verlage meist nicht die Illustrationen der Originalausgaben und so wird auch der Wallhof und seine Umgebung nicht richtig anschaulich.)

Auch wenn der Ex-Mann längst mit einer neuen Frau zusammenlebt, sind Lolla und ihre Kinder ins familiäre Umfeld eingebettet. Oma und Opa wohnen in der ehemaligen Schmiede des Wallhofs. Die beiden Lehrer sind in den Fünfzigern und noch weit vom Rentenalter entfernt, das in Island bei 67 Jahren liegt.

Lolla hatte, wie in Island üblich, früh geheiratet und Kinder bekommen und feiert nun ihren 30sten Geburtstag. Sie lädt viele Freunde ein, will aber keine Geschenke haben, obwohl sie doch, wie die Kinder finden, so viel bräuchte. Während Vildís an Haushaltsgegenstände denkt, will Tumi seine Mama mit einem neuen Mann geglücken.

Oma hat von dem „armen“, alleinerziehenden Hermann erzählt, dem neuen Filialleiter der Bank. Vildís findet den Mann, der nur zwei Kinder hat, keineswegs bedauernswert, denn „Mama bekommt das doch auch hin“. Tumi allerdings ist der Meinung, Hermann habe alles, was Mama braucht, Geld, Jeep und Charme, und schmuggelt ihm eine Geburtstagseinladung auf den Banktresen. Leider kommt an seiner Statt ein uralter Mann.

Was tun? Tumi braucht einen Anlass, Hermann in der Bank aufzusuchen, aber sein Sparschwein will sich nicht füllen. Als er auf der Straße ein Portemonnaie findet, gerät er in schwere Versuchung.

Nun, zu viel will ich doch nicht verraten, denn auch Eltern und Großeltern macht es Spaß, das Buch zu lesen und vorzulesen. Sie werden überrascht feststellen, dass Guðrún auch heiße Themen wie die Proteste gegen den Bau des Kárahnjúkar-Staudamms kindgerecht und engagiert aufgreift.

Zurück zur Leipziger Buchmesse 2013. Hier haben die nordischen Länder ein gemeinsames Projekt vorgestellt: Den Kinder- und Jugendbuchpreis des Nordischen Rates, der zum ersten Mal im Herbst 2013 verliehen wird. Die Nominierungen werden im Mai bekanntgegeben und die Preisverleihung findet Ende Oktober in Oslo statt.

Der Preis soll die Kinderbuchliteratur der nordischen Länder fördern und ihre reichhaltige Tradition unterstreichen und fortführen. H. C. Andersen, Jón Sveinsson (Nonni), Tove Jansson, Astrid Lindgren und viele andere haben ihr international ein hohes Ansehen verschafft.

Nordische Kinderbuchautoren waren und sind ihrem jungen Publikum engagiert und respektvoll zugewandt. Kinder und Jugendliche werden in den nordischen Ländern „schon früh dazu ermutigt, selbstständig zu denken, ihre Vorstellungskraft zu entfalten und von ihren Rechten Gebrauch zu machen“, heißt es im Prospekt des Nordischen Rates.

Der Preis wird nach denselben Regeln vergeben wie der allgemeine Literaturpreis: Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden können zwei Nominierungen einreichen, die autonomen Regionen Åland, Färöer Inseln und Grönland sowie die Sprachgruppe der Samen jeweils eine.

Koordinator Sigurður Ólafsson vom Norræna húsið in Reykjavík erklärte die Notwendigkeit eines separaten Kinderbuchpreises auch mit der Tatsache, dass noch nie ein Kinderbuch für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert worden sei. Man werde sich erst einmal auf die Nordischen Länder konzentrieren, hoffe aber auch international auf einen positiven Effekt.

Blaubeeren und Vanilleeis ist ein schönes Beispiel für sprachliche und inhaltliche Qualität, die auf dem deutschen Kinderbuchmarkt zwischen rosa Prinzessinnen und anderem Fantasy-Serien-Kram gegenwärtig nur schwer zu finden ist. Auch das ganz normale Alltagsleben kann turbulent und rundum spannend sein, das zeigt uns Guðrún Helgadóttir.

Von ihr stammt übrigens auch das wunderschön von Brian Pilkington illustrierte Buch Flumbra, eine isländische Trollgeschichte, das in Reykjavík erschienen, aber auch über die nordischen Online-Buchhandlungen zu beziehen ist.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Gudrun Helgadottir: Blaubeeren und Vanilleeis Aus dem Isländischen von Anika Lüders-Wolff Dressler Verlag 2013 144 Seiten, 12,00 Euro.

Einen Artikel zur nordischen Kinder- und Jugendliteratur auf der letztjährigen Leipziger Buchmesse finden Sie hier. Und hier eine Reportage zu den Auswirkungen des Kárahnjúkar-Staudamms auf die ostisländische Küstenregion.

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