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Am Herzschlag von Þórsmörk (bv)

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bernhild_dlIch plane zwar gerade eine mehrtägige ostisländische Sommerwanderung, im Hochland aber bin ich keineswegs bewandert. Das liegt daran, dass ich meist zu anderen Jahreszeiten und allein unterwegs bin.

Daher mögen andere die Routen-Informationen von Lisa Steppe bewerten. Sie nennt ihr Buch, das den schlichten Titel „Island“ trägt, eine „Mischung aus Wanderführer und Erlebnisbericht“ – erwandert vor über 35 Jahren und 2009 in aktualisierter Fassung wieder aufgelegt.

Im Sommer 1977 flogen Lisa und ihr Gefährte nach Island, um in der Þórsmörk, am Fimmvörðuháls, den Laki-Kratern und zwischen Þingvellir und Gullfoss zu wandern. 1980 erschien ihr Bericht – der erste deutsche Wanderführer zu Island.

steppe_gullfoss_bvAm Gullfoss.

Hochlandwanderungen sind nach wie vor populär, auch wenn viele Touristen das Landesinnere lieber per Jeep „erfahren“. In dem schmalen Reiseführer Island kennen und lieben aus dem Jahre 1975 hieß es:

„Bis vor wenigen Jahren noch schien es undenkbar, das Innere Islands zu durchqueren.“ Da helfe kein Landrover, sondern nur Spezialbusse, wie Úlfar Jacobsen sie besäße. Der Kosmos-Reiseführer teilt 1980 bereits mit, geländegängige Autos könnten auf Pisten durch die Wüste fahren, am sichersten sei aber immer noch die Durchquerung mit dem Pferd.

Auch Lisa erwähnt Úlfar Jacobsen, einen der Pioniere des Island-Tourismus. Doch seine 13-Tage-Expedition mit Zeltunterkunft, Vollverpflegung und Führung, die damals rund 800 DM kostete, kam für die jungen deutschen Rucksacktouristen nicht in Frage. Sie wollten auf eigene Faust das Hochland durchwandern, literarisch begleitet und geleitet von Laxness' Islandglocke und der Njáls Saga.

steppe_kjoelur_bvAm Rande der Kjölur-Route.

Eine der Wanderungen, den Weg nach Þórsmörk, will ich hier mit verfolgen. Die beiden fahren mit dem Linienbus nach Hvolsvöllur und laufen noch drei Stunden Richtung Fljótshlíð (Straße 261). „Föhn liegt in der Luft“, am Ende des Tals „leckt eine Gletscherzunge ins Malvenfarbene“, notiert Lisa.

Der nächste Tag bringt Regen. Am Hang erblicken sie Hliðarendi, das Gehöft Gunnars aus der Njáls Saga. Sie biegen nach Südwesten ab auf den Dímonarvegur (250), vorbei an Gunnarshólmi, dort wo Gunnar auf dem Weg in die Verbannung zurückschaute, die berühmten Worte „schön ist dieser Hang“ sprach und nach Hause zurückkehrte.

steppe_coverLisa und ihr Gefährte gelangen schließlich wieder an die Nationalstraße, die damals in Schotterversion bereits fertig gestellt war. Ein Umweg, den heute wohl kaum ein Wanderer, der in die Þórsmörk will, in Kauf nehmen würde. Er wird sich vom Bus hinter der Brücke über den Markarfljót absetzen lassen und den Stóri Dímon, den 188 Meter hohen aus der Ebene aufragenden „Großen Dämon“, von der anderen Uferseite, dem Þórsmerkurvegur (249) betrachten.

Früher, aber das wussten unsere Wanderer offensichtlich nicht, hieß der Berg noch Rauðuskriður. Zur Saga-Zeit gab es dort einen Wald, in dem Gunnars Frau Hallgerður den Sklaven von Bergþóra erschlagen ließ – der Beginn einer blutigen Fehde, der auch Gunnar, Bergþóra und ihrem Ehemann, dem weisen Njáll, das Leben kostete.

Die Wanderer geraten in einen Sandsturm und sichten einen vatnsskratti, ein Wassermonster, das der Volksüberlieferung nach am Markarfljót die Gestalt eines riesigen Rochens annehmen soll:

„Sechsundzwanzig Mal werden wir die verschiedenen Zuflüsse furten müssen, während in den Tiefen, wo sich Krossá und Markarfljót vereinigen, ein Fisch, halb eingebettet im sandigen Flußgrund, sich bewegt und uns flußaufwärts als riesiger Schatten folgt ...“

steppe_engelwurz_bvEngelwurz.

Das Zelt im Sturm aufstellen, das geht nur mit Mühe hinter einem schützenden Fels. Holz holen die beiden von einer zwei Kilometer entfernten Furt, bevor sie „am prasselnden Feuer im Höhlenmaul“ Spaghetti mit gesammeltem Engelwurzgemüse zubereiten können. Kein Campingkocher, keine Gaskartusche.

Auch die Wanderbekleidung des Jahre 1977 erscheint uns „vorsintflutlich“: Jeans, wattierte Armeejacke, Gummistiefel zum Furten, lederner Brustbeutel. Doch all die modernen atmungsaktiven Materialien erweisen sich in Island ebenfalls als unzureichend – das merkt die Autorin im aktualisierten Serviceteil zu Recht an.

steppe_wanderschuh_bv„Denkmal“ für den müden Wanderer, Snæfellsnes 2012.

Der nächste Morgen bringt warme Fallwinde, die Lisa Steppe Föhn nennt. Dann schlägt das Wetter um. Durch das Tal, das sich immer mehr verengt, fegt der Sturm. Die Wanderer haben die Schutzhütte im Blick, können sie aber nicht erreichen, da die angeschwollene Krossá nicht mehr durchwatet werden kann (mittlerweile gibt es dort eine Fußgängerbrücke).

Am nächsten Tag werden die beiden mit Entsetzen feststellen, dass sie im Herzen von Þórsmörk gefangen sind. Sie selbst sind völlig durchnässt, das Zelt hat den Kampf gegen die Orkanböen aufgegeben. Auch der Rückweg ist durch tosende Gletscherflüsse versperrt.

„Nüchtern betrachtet ist das Wetter, der Regen, die orkanartigen Böen zum Davonlaufen, unsere Situation zum Verzweifeln.“

steppe_farn_bvFarne gedeihen in geschützten Felsspalten und Höhlungen.

Wie sich die Natur dennoch von ihrer schönsten Seite zeigt und was die Wanderer im Einzelnen unternehmen, um aus der Klemme zu kommen, das sollte man nachlesen. Ihre Überlebensstrategie, das will ich hier nur anmerken, heißt Geduld: Nicht blind davonlaufen, sondern sich an Ort und Stelle so gut es geht, einrichten.

Irgendwie muss der Körper vor Auskühlung bewahrt, die Kleidung getrocknet und der Geist gestärkt werden. Die alte Frau aus Laxness' Islandglocke, die auf Reisen geht, lässt sich neben ihnen nieder. Imagination und gegenseitiges Vorlesen erleichtern das Ausharren.

„Ein gerütteltes Maß an Furcht scheint mir übrigens bei einer Wanderung im isländischen Hochland ein guter Wegbegleiter zu sein ...“, schreibt Lisa Steppe im Rückblick. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Der Niebank-Rusch-Fachverlag in Bremen, der auch Jón Traustis Klassiker Skaftafeuer verlegt hat (hier der Link zur Rezension), hat den spannenden und lehrreichen Wanderführer wiederentdeckt. Um aktuelle Informationen insbesondere zur Wanderung am Fimmvörðuháls kommt man allerdings nicht herum, denn das aktualisierte Buch erschien vor der spektakulären Eruption im Jahre 2010. Wer aktuelle Erfahrungen insbesondere zur Strecke Skógar - Þórsmörk beitragen kann, möge sich beim Verleger melden, der zusätzliche Informationen und Tipps auf der Homepage bereitstellen möchte.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Lisa Steppe: Island Niebank-Rusch-Fachverlag 2009 134 Seiten, 10,00 Euro.

Hier noch ein Link zur Besprechung der Hör-CD Die Saga-Aufnahmen I (supposé 2011), auf der Arthúr Björgvin Bollason die Njáls Saga erzählt. Nachzulesen ist die Saga in neuer Übersetzung von Karl-Ludwig Wetzig im ersten Band der Isländersagas (4 Bände mit einem Begleitband, S. Fischer 2011).

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