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Vom Vatnajökull in die Waschmaschine: Kunst als Metapher

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Vom Vatnajökull in die Waschmaschine: Kunst als Metapher

Man nehme zwei Männer, einen Gletscher, zwei Windräder und eine Waschmaschine und vermenge alles zu … einem Kunst-Projekt. Dies ist ein Unterfangen, das sicherlich nicht jedem gelingen würde, zumal die Zutaten auf den ersten Blick nicht unbedingt wie für einen gemeinsamen, wohlschmeckenden Kuchen geschaffen scheinen. Die Münchner Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichner indes wagen das Experiment. Unter dem Titel Powerwalk konzipierten sie gemeinsam mit Kurator Dr. Christian Schoen ein Kunstprojekt, das sich – und dies sogar im eigentlichen Wortsinn – gewaschen hat.

powerwalk_vatnaaredPowerwalk2013. Fotos/Fotomontage: GAEG/OHowerwalk2013.

Eine Woche lang begeben sich Aichner und Huber im September auf Expedition auf den Vatnajökull, Islands und Europas größten Gletscher. Schon einmal versuchten sie vor 25 Jahren eine Überquerung zu Fuß, scheiterten jedoch am Wetter. Zweieinhalb Wochen wütete damals ein Eissturm, und am Kraterrand des Vulkans Grímsvötn wäre es wohl fast zur Katastrophe gekommen.

Diesmal wollen die Künstler den Wind nicht gegen sich, sondern ganz klar auf ihrer Seite haben. Sie wählten für den Powerwalk den Teil der Strecke, der ihnen 1988 versagt blieb: Vom Gletscherrand bei Jökulheimar bis zur Schutzhütte am Kraterrand des Grímsvötn. 60 Kilometer zu Fuß über den Gletscher also, von Jökulheimar 15 Kilometer nordostwärts bis zur Quelle des Flusses Tungnaá, zwei Kilometer nördlich von Kerlingar. Dort beginnen sie den Aufstieg auf den Vatnajökull in östlicher Richtung, bis sie nach 45 Kilometern die Berghütte Grímsfjall Skáli erreicht haben. Nach ein bis zwei Tagen dort nehmen sie den Rückweg auf gleicher Route in Angriff.

powerwalk_vatnacredPowerwalk2013. Fotos/Fotomontage: GAEG/OHowerwalk2013.

Die ganze Zeit über können Interessierte auf der Seite www.powerwalk2013.org tagesaktuell alles Neue zum Powerwalk erfahren: Wie weit die Bergsteiger schon gewandert sind, wie hoch Energiezufuhr (etwa durch Nahrungsaufnahme), Energieverbrauch (zum Beispiel die verbrannten Kalorien) und Energiegewinn (aus Wind) sind. Hinzu kommen Wetter- und Klimadaten und Kartenmaterial. Dies alles in pseudowissenschaftlich aufgearbeiteter Form.

Doch die Expedition ist nur der erste Teil des Kunst-Projekts. Beim Powerwalk geht es nämlich auch um Energiegewinnung und Energietransport. Auf ihrem Rücken werden die Künstler neben ihrer Wander- und Zeltausrüstung auch zwei Windräder tragen. Und Akkus, die sich im Laufe der Woche mit Strom aus Windenergie laden. Diese energiegeladenen Akkus formulieren die Künstler als „künstlerischen Ertrag der Aktion“.

powerwalk_vatnafredPowerwalk2013. Fotos/Fotomontage: GAEG/OHowerwalk2013.

Zurück in Deutschland betreiben Huber und Aichner dann im November zwei Waschmaschinen mit der gewonnenen und gespeicherten Energie, waschen darin ihre getragene Expeditionskleidung.

Die Expedition wird filmisch dokumentiert, das Waschen der Wäsche in Echtzeit aufgezeichnet, und zwar exakt so lange, bis der Strom zu Ende ist. Und genau so lange, wie dieser Film dauert, wird auch die Dokumentation der Wanderung letztendlich werden. Neben den Windrädern und der Kleidung, digitalen Dokumentationen (online und offline) gehören schließlich die beiden Filme zur späteren Ausstellung über den Powerwalk. Auch entsteht ein Film, der auf Kurzfilmfestivals gezeigt wird und der in einem weiteren Schritt auf DVD erscheint.

powerwalk_vatnagPowerwalk2013. Fotos/Fotomontage: GAEG/OHowerwalk2013.

Mit dem Powerwalk wollen die Künstler unter anderem zeigen, wie mühsam und schwierig es ist, selbst Energie zu produzieren und wie wertvoll Energie eigentlich ist, sowie zu Diskussionen anregen. Auch „behandelt die Arbeit eine der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht: Die Befriedigung des immer größer werdenden Hungers nach Energie“, wie sie auf ihren Internetseiten schreiben.

„Das Projekt ist einerseits extremst konkret, bewegt sich aber andererseits auf einer hoch metaphorischen Ebene“, sagt auch Kurator Christian Schoen. Der eingesetzte Energieaufwand sei der Teil, der zeige, „dass die Aktion an sich total absurd ist“, meint Schoen und fügt an: „So, wie etwa auch ökologische Fußabdruck-Methoden“.

Dass die Künstler mit dem Flugzeug nach Island reisen, könne gerade noch damit gerechtfertigt werden, dass sie kurz vor Expeditionsstart eine Ausstellung in Reykjavík eröffnen, dass sie also sowieso im Land wären. „Doch schon die Fahrt mit dem Auto zum Gletscher zeigt die ganze Absurdität dahinter“, so Schoen weiter. Als Beispiele für ähnlich absurde, aber reale, ganz ernst gemeinte Aktionen nannte er auch die vielen „Politiker, die ständig in alle Teile der Welt fliegen, um Klimagipfel zu veranstalten“. Damit relativiere sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit des Energieeinsatzes, das Endergebnis sei Metapher.

powerwalk_vatna_waschmaschinenPowerwalk2013. Fotos/Fotomontage: GAEG/OHowerwalk2013.

Insgesamt 30.000 Euro wird das Powerwalk-Projekt kosten, zehntausend davon fehlen aktuell noch. Die versuchen die Akteure über Crowdfunding zusammenzubekommen. „Der Island-Aufenthalt ist aber schon gestemmt“, freut sich Kurator Schoen.

Thomas Huber und Wolfgang Aichner sind beide 1965 geboren, kennen sich seit über 30 Jahren und arbeiten seit 2005 gemeinsam unter dem Namen GÆG (global aesthetic genetics). Das Æ entlehnten sie dem isländischen Alphabet. Zusammen mit Christian Schoen arbeiteten sie erstmals bei ihrem Projekt passage2011 im Rahmen der 54. Internationalen Kunstausstellung – la Biennale di Venezia. Zu den Organisatoren des Powerwalks gehört auch der Verein pilotraum01 aus München, der schon bei passage2011 mit an Bord war.

Bevor Aichner und Huber zur Exkursion aufbrechen, eröffnen sie am Freitag, 6. September um 18 Uhr im Listasafn Íslands (Nationalgalerie in Reykjavík ihre Ausstellung über das Projekt passage2011, bei dem sie ein rotes Boot über den 3.000 Meter hohen Nevessattel in den Zillertaler Alpen bis hinüber nach Italien zogen. Die Ausstellung, die ebenfalls von Schoen kuratiert wird, ist ein Gemeinschaftsprojekt der Kunsthalle Emden in Deutschland und der Nationalgalerie und ist bis zum 27. Oktober zu sehen. Die Idee zum Projekt passage2011 ist übrigens in Island entstanden.

Gabriele Schneider – [email protected] www.Hausbucht.de // www.nebenbei-bemerkt.blogspot.de

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