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Liebliche Eisheimat (bv)

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Oft werde ich gefragt, warum ich nicht nach Island ziehe, wo ich doch das Land so liebe. Ja, warum eigentlich nicht? Egal zu welcher Jahreszeit, wenn ich in Island ankomme, ob durch die Luft oder übers Meer, das Land begrüßt mich: Velkomin heim (willkommen zu Hause), ich atme diesen Gruß mit der klaren Luft ein. Island ist ein Stück Heimat geworden.

Doch was ist Heimat? Die Gegend, in der ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe? Der Ort, in dem ich seit einem Viertel Jahrhundert lebe? Island, in dem ich mich heimisch fühle? Und gibt es Heimat überhaupt stückweise – als zweite Heimat etwa oder gar als Wahlheimat?

Das deutsche Wort Heimat habe im Englischen kein Äquivalent, heißt es im englischen Wikipedia. Heimat, ein Begriff, enger als homeland und weiträumiger als home, stammt aus Zeiten überwiegend ländlicher Lebensweise. Heimat erinnert an Kindheit, an Farben, Gerüche, An- und Unfassbares, all das, was einst noch ganz intensiv, ohne erwachsene Distanz wahrzunehmen war.

Gefühlter Raum Heimat, den Landschaft, Sprache, Familie, Tradition, soziale Zugehörigkeit und vieles mehr gestaltet haben, in dem sich aber auch gerne Kitsch, Reaktion, Engstirnigkeit und Selbstbetrug einnisten. Vertreibung und Ausschluss machen heimatlos, jährlich Millionen Menschen weltweit. Moderne Mobilität versieht das Wort Heimat mit einem Fragezeichen und redet lieber vom Zuhause.

Ich möchte hier einen Film namens Eisheimat vorstellen, sowie ein Buch über „starke Frauen, die ihren Traum leben und in Island ein Zuhause gefunden haben“.

Warum Tina Bauer ihr kürzlich erschienes deutschsprachiges Buch englisch mit Iceland – Lovely Home betitelt hat, erschließt sich mir nicht. In dem sehr schön gestalteten Band lernen wir 14 deutsche Frauen, die nach Island ausgewandert sind, in Bild und Text kennen. Zehn der Interviewten bzw. Vorgestellten sind zwischen 33 und 48 Jahre alt und leben im Durchschnitt etwa seit 13 Jahren in Island. Die älteste ist die 64-jährige Ruth, die seit 30 Jahren auf Island lebt, die jüngste die 25-jährige Eva, die vor zwei Jahren nach Island kam.

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Die meisten waren noch keine Dreißig, als sie sich für die Insel im Nordmeer entschieden. Natur und Tiere waren bei vielen die ersten Attraktionen, dann kam ein Mann hinzu, Kinder folgten. So lebt die Mehrzahl der Vorgestellten im ländlichen Bereich. Bei denen, die sich in der Hauptstadtregion angesiedelt haben, spielen Kunst, Kultur und Gesellschaft eine Hauptrolle.

„Iceland – Lovely Home“ – man ist schnell geneigt, sich der Bilderbuchidylle hinzugeben und über ein paar Zeilen hinwegzusehen, zwischen denen das ein oder andere Problem angedeutet ist. Die Integration im beruflichen Leben erfolgt meist problemlos, doch enge Freundschaften entwickeln sich selten und wo Ehen scheitern oder fehlen, gibt es kein familiäres Umfeld, die wichtigste Säule des sozialen Lebens in Island.

Wer hier keinen Anschluss hat oder keinen Anschluss bei anderen Immigranten sucht, bleibt – ob Mann oder Frau – ausgeschlossen. Helga, die erst nach ihrer Scheidung mit Ende Vierzig nach Island aufbrach, sagt: „Mit einem isländischen Mann und dessen Familie hätte ich es sicherlich leichter.“

Sie beißt sich durch, doch wie viele haben es nicht ausgehalten und sind zurückgekehrt?

Ausgeharrt trotz viel widrigerer Umstände haben die sechs Frauen, die der Film Eisheimat vorstellt. Ich muss gestehen, dass es mich im warmen Kino ab und zu vor Kälte schüttelte. Ich habe vor zwei Jahren in Aus deutschen Ruinen ans Polarmeer bereits über einen Roman und ein Sachbuch zu deutschen Frauen, die in der Nachkriegszeit nach Island kamen, berichtet.

Von diesen Pionierinnen handelt auch der Dokumentarfilm Eisheimat. Gleich zu Beginn hören wir Sätze wie: „Ich bin überall Ausländer gewesen, von Kind auf an und jetzt auch.“ Oder: „Meine einzige Heimat ist heute der Friedhof.“

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Die Ausgangsbedingungen waren mit denen nachfolgender Generationen nicht zu vergleichen. Die jungen Frauen kamen mit zweijährigen Arbeitsverträgen aus einem zerbombten Land, das perspektivlos schien und in dem sie sich überflüssig fühlten.

Sie kamen auf abgelegene Höfe, auf denen das 20. Jahrhundert noch nicht angekommen war. Karólina wurde bei ihrer Ankunft zum Verrichten der Notdurft in den Kuhstall verwiesen. Dennoch erinnert sie sich voll Wehmut an den gemütlichen Torfhof.

Die verheiratete Anna, die sich mit zwei Kindern alleine durchschlagen musste, da ihr gewalttätiger Mann kurzerhand nach Deutschland zurückgeschickt worden war, landete als Haushälterin bei einem Mann, der ständig betrunken war und ihr fünf weitere Kinder bescherte.

Viel Bitterkeit kommt bei den über 80-jährigen Frauen hoch, die wenigsten hatten eine geglückte Partnerschaft erlebt wie Anna Aníta, die noch vor Fertigstellung des Filmes verstarb. „Ich hab mein Ich behalten“, sagt sie zu Beginn des Films. Obwohl sie mehr als 60 Jahre in Island lebte, fühlte sie sich nicht als Isländerin. Ihre ausführlichere Geschichte findet sich in Anne Siegels Dokumentation Frauen Fische Fjorde.

Die Regisseurin Heike Fink verzichtet in Eisheimat gänzlich auf Kommentare und überlässt ihren Interviewpartnerinnen das Wort ungeteilt. Zuschauer, denen das Thema unbekannt ist, vermissen jedoch einiges an Hintergrundinformationen. Auch kommt man mit den Personen leicht durcheinander, da die Interviewten nicht namentlich vorgestellt werden und ständig wechseln. Zwischendurch wird Bilderbuch-Island eingeblendet: Pferdeherden auf grünen Wiesen, blubbernde Schlammlöcher, majestätische Berge ...

Die Frauen werden zumeist in ihren Wohnungen gezeigt, ab und an stehen sie verloren in der Landschaft herum – der Kontrast wirkt auf mich beklemmend. Aber ich atme auf, wenn Anna Aníta ihren alten Hof besucht oder wenn die resolute Karólina behutsam die Stiefmütterchen im Vorgarten eines renovierungsbedürftigen Reykjavíker Wohnblocks gießt.

Nicht nur Anna Aníta, auch Ilse hat zum letzten Mal ihre Geschichte erzählt. Sie starb vergangenes Jahr wenige Monate nach ihrem Mann, der sie bei den Interviews keinen Moment alleine gelassen hat. Sie habe die Heirat bereut, sagte sie in seinem Beisein vor laufender Kamera. Doch mehr als 60 Jahre hatten das Paar untrennbar zusammengeschweißt. Ich sehe mir noch einmal die Aufnahmen der beiden an, gruselig und anrührend zugleich. In ihrem Schlafzimmerschrank verwahrte Ilse einen Beutel mit deutscher Erde, die sie als „ein Stück Heimat“ ins Grab begleiten sollte. --- Velkomin heim! werden bei der Ankunft auf dem Flughafen Keflavík die Heimkehrenden begrüßt. Ich fühle mich angesprochen, geht es mir doch ähnlich wie einigen Isländern, die im Ausland leben, um die Sehnsucht nach Island zu spüren.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

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