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Toto, der Fuchs

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Es ist sicher nicht jedermanns Sache, aber ich kann mich im Mai stundenlang und bei fast jedem Wetter am ostisländischen Sandstrand aufhalten – nicht etwa um im kalten Meer zu schwimmen, sondern am Strand des Flusses Lagarfljót, der seinen Lauf von den Gletschern des Hochlandes über den langen See gleichen Namens bis in den Héraðsflói hinter sich gebracht hat und nun, beim Land Húsey, nach Mündung sucht.

StrandhaferAngesäter Strandhafer. Foto: Bernhild Vögel.

Im vergangenen Frühjahr stand hier alles unter Wasser, jetzt nach dem schneereichen Winter, der im Hochland noch andauert, zeigen sich viele kahle Stellen, an denen die karge Vegetation aus Moos, Thymian und kleinen Gräsern den schwarzen Sand nicht bindet. Um Flugsand und Erosion Einhalt zu gebieten, werden Jahr um Jahr in die schwarzen Flächen Melgresi, Strandhafer, eingesät. Und dieser Aufgabe gehe ich nun schon das dritte Jahr mit großer Leidenschaft nach.

Renherde bei HúseyRenherde bei Húsey. Foto: Bernhild Vögel.

Wenn ich aufschaue, sehe ich die Robben auf entfernten Sandbänken liegen, näher heran kommt die neugierige Renherde, die leider auch am frisch sprießenden Strandhafer knabbert.

RaubmöwenpaarRaubmöwenpaar. Foto: Bernhild Vögel.

Nur der Wind ist zu hören und die Rufe der Raubmöven. Gelegentlich kommen ein paar aufgeregte Küstenseeschwalben (Kría) vorbei und drehen gleich wieder ab, denn ihre Brutgebiete liegen dort, wo ihre Eier vor den Raubmöven besser geschützt sind.

Alle Bodenbrüter, ob Raubmöve, Kría oder Bekassine, müssen sich vor Füchsen in Acht nehmen. Die Chance einen zu Gesicht zu bekommen, ist gering, doch ich stelle mir vor, dass Toto hier sein Revier hat.

Fuchs TotoFuchs Toto. Foto: Bernhild Vögel

Das verwaiste Fuchsbaby war im Frühjahr letzten Jahres nach Húsey gebracht worden und bekam ein Gitterhäuschen im Hühnerstall. Toto war der Liebling aller Kinder, wurde herumgeschleppt und geknuddelt. Er tappte hinter den Hühnern her, versuchte mit Depill, dem Hund, zu spielen, der ihn knurrend zurecht wies.

Am Tag vor meiner Abreise aber war ein Unglück geschehen, Toto heulte vor Schmerzen – und wenn Füchse heulen, hört sich das schauerlich an.Wir nahmen an, er sei unter einen Menschen- oder Pferdehuf gekommen und habe ein Bein gebrochen. „Dann werde ich ihn wohl erschießen müssen“, meinte Gastgeber Örn.

Ich versprach, dem Fuchs ein Denkmal in Form eines kleinen Bilder- und Ausmalbuchs für die ganz kleinen Húsey-Gäste zu setzen, und machte mich kurz vor meiner diesjährigen Islandreise an die Arbeit. In der dreisprachigen Bildergeschichte darf Toto nicht im Hühnerstall bleiben, weil er ein Wildtier ist, er darf aber auch nicht freigelassen werden, weil er zurückkommen und die Hühner reißen würde. Die Tochter des Bauern bringt ihn zum guten Ende ins Polarfuchsgehege im Húsdýragarðurinn, den kleinen Tiergarten in Reykjavík.

Das selbstverfertigte Büchlein wurde in Húsey gut aufgenommen – ich vermied es aber, mich nach dem Schicksal des Fuchses zu erkundigen. Und wer in Island nicht fragt, erfährt auch nichts.

Fuchs TotoToto. Foto: Húsey.

Als ich am dritten Tag vom Strand zurückkam, erwähnte ich, dass in dem Areal, in dem ich gerade säte, kaum Vögel seien. Wahrscheinlich wegen Toto, meinte Örn.

Ich fragte nach und erfuhr Totos wahre Geschichte. Nach ein paar Tagen heulte und hinkte der Fuchs nicht mehr. Er mied die Gäste und hielt zu „seiner“ Familie. Er liebte am meisten die 12jährige Tochter und Hund Depill, der ihn zu ignorieren versuchte, auch wenn sich der kleine Fuchs vor ihn auf den Rücken legte in der schönsten „Ach beiß mich doch tot“-Haltung.

Toto und seine FreundeToto und seine Freunde. Foto: Húsey.

Er durfte im Jeep mitfahren, wenn es zu den Fischnetzen ging, dort bekam er oft eine angefressene Forelle, von der er ein Stück verzehrte und den Rest verscharrte. Er war so schlau, dass er Depill, der interessiert zugesehen hatte, ablenkte, blitzschnell den Fisch ausgrub und an anderer Stelle im Sand verscharrte. Der Hund, der nur beim ersten Vergraben aufmerksam gewesen war und sich schon auf die leichte Beute gefreut hatte, hatte das Nachsehen.

Er kam auch furchtlos mit ins Boot, das einmal umkippte mit Mann, Hund und Fuchs. Während Hund und Fuchs versuchten, sich auf Örns Rücken festzuklammern, rief die Tochter, die am Ufer stand, ihrem Vater zu: Rette Toto! Der aber schüttelte die Tiere ab, die sehr wohl schwimmen konnten, wenn sie mussten, und rettete die eigene Haut.

Fuchs TotoFoto: Húsey.

Eines Tages jedoch gegen Ende des Sommers verabschiedete sich der Fuchs am Strand von seiner Pflegefamilie. Hocherhobenen Schwanzes und mit einer halben Forelle im Maul trabte er davon und ward nie mehr gesehen.

Wo ist er hin? Hat er sich nordwärts gewandt, dort wo im vergangenen Herbst versucht wurde, dem abdriftenden Lagarfljót eine alternative Mündung zu graben, die allerdings wieder versandete (siehe den Beitrag: Geschichten vom Mündungssand)? Hat er den schneereichen Winter überlebt?

Ist er hiergeblieben und holt sich hin und wieder eine Forelle aus den Netzen? Sieht er mir zu, wie ich in seinem Revier säend Spuren lege? Werden ihn die Bagger vertreiben, wenn im kommenden Herbst versucht wird, dem Lagarfljót einen direkten Ausgang ins Meer zu verschaffen?

Fragen über Fragen. Keine Frage aber ist doch wohl, dass das Leben die schönsten Geschichten schreibt.

bernhild@icelandreview.comwww.birdstage.net

Weitere Geschichten um Húsey und den Lagarfljót::

Der gestohlene Fluss

Geschichten vom Mündungssand

Kein Hafer für die Pferde

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.