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Das Zirkuswunder

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Dagmar Trodler's picture

Foto: Jeaneen Lund/Sirkus Íslands.

“Wunder werden wahr”, hatte der Australier Lee Nelson noch vor einem Jahr mit unerschütterlichem Optimismus postuliert, als er sich für sein Zirkusunternehmen dem einzigen professionellen in ganz Island – ein Zirkuszelt wünschte, um damit, wie sich das gehört, auf Tournee zu gehen.

Es hatte zunächst nicht gut ausgesehen. Doch das Wunder geschah und die hervorragend vorbereitete crowd-funding Aktion konnte sogar mit einem Plus erfolgreich beendet werden. Die erste Hürde war geschafft, 20 Prozent der Kosten waren gedeckt. Für den Rest bürgte der Vollblutartist mit seinem Vermögen.

“Ich hätte komplett bankrott gehen können,” gibt er heute zu. “Aber ich bin's nicht.” Und lächelt sagenhaft glücklich hinauf zur Zeltspitze, wo die Fahnen zur letzten Vorstellung seiner Truppe im südisländischen Selfoss lustig flattern. Lee hat allen Grund zum Lächeln: 20.000 Menschen, oder acht Prozent der isländischen Gesamtbevölkerung, wie er betont, haben in diesem ersten Zirkussommer die beiden Vorstellungen „Heima er best“ und die Erwachsenenshow „Skinnsemi“ gesehen, die allermeisten Vorstellungen auf der Tournee durchs Land waren ausverkauft gewesen.

Die gesamte Unternehmung strahlt einen frechen Charme aus, dem man sich kaum entziehen kann. Das Zirkuszelt war von einer alten Zirkusfamilie in Italien extra angefertigt worden. Es sieht aus wie ein Zirkuszelt aus alten Kindergeschichten, rot und weiß gestreift wie die Lollis als der kleinen Popcornbar, doch es kann einem Sturm von bis zu 35 Metern pro Sekunde standhalten. “Wind und Wetter machen uns nichts mehr aus,” erklärt Lee. “Das Zelt kommt mit allem klar, und wir sind jetzt total unabhängig von allem.”

Innendrin ist es klein und cosý, wie man in Island sagt. Tatsächlich aber passen 400 Zuschauer auf die hölzernen Ränge, die von allen Plätzen aus beste Sicht bieten. Musik, Licht – Vorhang auf, mehr braucht ein Zirkus ja nun auch nicht. Statt technischem Schnickschnack behilft man sich mit echter manpower, etwa als der Ringturner von einem als Gegengewicht angeseilten Künstlerkollegen in die Höhe gezogen wird.

Es riecht nach Popcorn und Holz und ein bisschen nach Schweiß, so richtig Zirkus eben. Clowns sind auch Artisten und Popcornverkäufer und umgekehrt, das zur Schau gestellte Talent ist großartig und in seiner fröhlichen Frechheit fernab von jeglicher Mariniertheit. Die Turner und Seilakrobaten bieten in Schiebermützen, Unterhemden und Jeans eine betörend perfekte Show, und statt teurem Glitzerkram löst ein simples Zelt aus der Campingabteilung Lachsalven aus.

Die Jungs und Mädels auf der Bühne – allesamt Isländer, mehrheitlich professionelle Jongleure und Equilibristen - haben so richtig Spaß an ihrem Job. Kostüme und Darbietungen werden garniert mit feinem bis deftigem Humor, und auch die bisweilen laute Popmusik, ebenfalls aus isländischer Tonschmiede, scheint zunächst nicht unbedingt kindertauglich – doch weit gefehlt: überall gehen die Kleinen mit, klatschen im Takt, als das Publikum zur Discoeinlage geladen wird und starren mit großen Augen auf die Bühne, als männliche Einradfahrer im Tütü „Schwanensee“ tanzen, ein Greis virtuos auf seiner Gehhilfe turnt oder Hulahopreifen sich schier endlos um eine Akrobatin zu drehen scheinen.

Kurze und knackige Nummern lassen einen nach zwei Stunden erstaunt aufschauen. Wer hat an der Uhr gedreht – ist es wirklich schon so spät? Selbst gegen den seltsamen Drang des Isländers, sofort nach Ende der Vorstellung zu verschwinden, hat Sirkus Íslands ein Mittel gefunden: vor dem Zelt kann sich jeder mit seinem Lieblingsartisten fotografieren lassen. Schwuppschwupp, wandern Bilder nach facebook, ist Werbung gemacht, Leute, geht in den Zirkus, das macht Spaß, noch 22 Vorstellungen in Reykjanes und Reykjavík …

„Ich hätte bankrott gehen können.“ hatte Lee gesagt. Ist er aber nicht. Wunder werden eben wahr, und in Island vielleicht noch eher als anderswo.

Hier sind die restlichen Termine diesen Sommers zu finden.

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