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„Etwas für die Leute tun“ – Besuch bei Valgerður Gunnarsdóttir im Parlament von Island (gab)

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Gabriele Schneider's picture

Das isländische Parlament Alþingi steht mitten in Reykjavík. Nahe am Stadtteich Tjörnin, in dem auch das Rathaus seinen Platz hat, umringt von Restaurants und Einkaufsläden. Vor dem Gebäude wachen keine Sicherheitsleute, Passanten flanieren am Eingang vorbei, bleiben vor der Tür stehen, halten ein Schwätzchen und begegnen dabei möglicherweise Abgeordneten oder Ministern, die gerade zur Arbeit oder in den Feierabend gehen.

Das isländische Parlament, das in dem alten Gebäude mit neuem Anbau seinen Sitz hat, datiert zurück ins Jahr 930 und gilt damit als das weltweit älteste bestehende Parlament. Es besteht aus einer Kammer und hat 63 Abgeordnete. Die Abgeordneten werden auf vier Jahre vom Volk gewählt. Jeder der sechs Wahlbezirke entsendet dabei eine festgelegte Anzahl von insgesamt 54 Abgeordneten, die verbleibenden neun Ausgleichssitze werden nach dem landesweiten Stimmenanteil der Parteien vergeben.

Seit den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr vertreten Abgeordnete aus sechs Parteien ihre Mitbürger, nämlich aus Unabhängigkeitspartei, Fortschrittspartei, Links-Grüner Bewegung, Sozialdemokratischer Allianz, Leuchtender Zukunft und Piratenpartei.

Das isländische Parlament, Alþingi.Das Parlament und sein Anbau, gesehen vom Stadtteich Tjörnin aus. Foto: Gabriele Schneider

Ich treffe mich mit Valgerður Gunnarsdóttir. Sie ist Mitglied der Unabhängigkeitspartei (Sjálfstæðisflokkurinn) und nach den Parlamentswahlen 2013 erstmals für ihren Wahlkreis Nordost ins Parlament eingezogen. Auf Anhieb wurde sie sogar eine der stellvertretenden Parlamentssprecher. Ich besuche sie an ihrem Arbeitsplatz.

Als ich das Gebäude betrete, werde ich an der Pforte freundlich begrüßt und bekomme ein Presseschildchen. Ich setze mich in eine gemütliche Sitzecke. Sogleich fällt mein Blick auf den großen Flachbildschirm, der an der Wand gegenüber aufgehängt ist. Die nächsten Minuten beobachte ich Valgerður live beim Leiten einer Sitzung. Kurz, nachdem Sitzung und Übertragung beendet sind, kommt Valgerður die Treppe herunter und zu mir.

Da wir uns privat kennen, entfällt eine lange Vorstellung. Wir verlassen den Trubel im Treppenhaus – es ist Mittagessenszeit und die meisten Abgeordneten machen sich auf den Weg in die Kantine – und ziehen uns in den Fraktionsraum zurück. Wie überall im Haus ist auch er geschmackvoll und einladend eingerichtet, Gemälde zieren die Wände, darunter Porträts früherer Parteivorsitzender.

Valgerður Gunnarsdóttir wurde 1955 im nord-isländischen Dalvík geboren und wuchs dort auch auf. Heute lebt sie mit ihrem Mann Örlygur Hnefill Jónsson in Laugar im Nordosten des Landes, einer kleinen Stadt zwischen Húsavík und dem See Mývatn. In Reykjavík wohnt sie mit ihrem jüngsten Sohn Gunnar Hnefill Örlygsson zusammen, der in der Hauptstadt studiert.

Politisches Interesse und der Wunsch, am Wohl und der Entwicklung des Landes mitzuwirken, hatten und haben fast alle in Valgerðurs Familie. Ihr Vater, Kapitän auf einem Fischerschiff, kandidierte beispielweise einmal für den Gemeinderat, scheiterte allerdings. „Als Älteste hatte ich bei vier Geschwistern immer viel zu tun und lernte damit zu organisieren und auch, was es heißt, für andere da zu sein, manchmal auch für andere mitbestimmen zu müssen oder zu können“, erzählt Valgerður. Später, von 1986 bis 1998, konnte sie dies als Mitglied im Gemeinderat von Húsavík gut gebrauchen.

1997 wurde Valgerður Schulleiterin des Gymnasiums in Laugar und bekleidete das Amt 14 Jahre lang.

Valgerður Gunnarsdóttir.Valgerður Gunnarsdóttir im Parlament. Foto: Gabriele Schneider

Als Valgerðurs jüngster Sohn Gunnar Hnefill Örlygsson 20 Jahre alt war, kandidierte er bereits fürs isländische Parlament, schaffte den Einzug aber nicht. Ehemann Örlygur Hnefill Jónsson war lange Vertretungs-Abgeordneter, saß damit pro Jahr mehrmals für einige Wochen als Abgeordneter im isländischen Parlament. Und das mittlere Kind der beiden, Örlygur Hnefill Örlygsson, ist seit Mai dieses Jahres Mitglied des Gemeinderats von Húsavík.

„Ich wurde gefragt, ob ich für das Isländische Parlament kandidieren möchte“, berichtet Valgerður. Sie wollte und wurde im ersten Anlauf hineingewählt.

Als stellvertretende Parlamentssprecherin, zu der sie in der ersten Sitzung der Legislaturperiode gewählt wurde, ist sie unter anderem dafür zuständig, Parlamentssitzungen zu leiten, wovon ich mich beim Warten im Foyer überzeugen konnte. Auch im Fernsehen werden die Parlamentssitzungen live übertragen und von vielen Bürgern mitverfolgt.

Als Regierungs-Vertreterin im Nordischen Rat verbringt Valgerður viel Zeit im Ausland. „Etwa sechs bis sieben Mal im Jahr“, erklärt sie. „Es ist eine sehr interessante Aufgabe, und ich bin sicher, dass solche Gremien unter anderem bewirken, dass sich Länder schnell näherkommen.“

Zudem ist Valgerður Mitglied im Finanzausschuss der Regierung. „Meine erste Wahl wäre natürlich der Bildungsausschuss gewesen“, meint die ehemalige Schulleiterin und lacht. Doch sie nimmt die neue Aufgabe sehr ernst und arbeitet sich mit viel Elan in das neue Sachgebiet ein.

Daneben nimmt Valgerður an zahlreichen Sitzungen teil: Täglich finden Fraktions- und Ausschuss-Sitzungen, viermal die Woche Parlamentssitzungen statt. Und jedes Jahr geht es für eine Woche durch den eigenen Wahlkreis, um mit den Menschen dort in Kontakt zu bleiben und mögliche Anliegen vor Ort mit den Betroffenen zu besprechen.

„Man braucht wohl zwei bis drei Jahre, um alles zu lernen und verstehen zu können“, vermutet sie. „Aber gerade, wenn niemand da ist, der einem kontinuierlich unter die Arme greift, fällt das natürlich leichter, bleibt vieles hängen.“ Denn wer glaubt, dass für Valgerður und jeden anderen Abgeordneten im Parlament Mitarbeiter, Referenten, Assistenten zur Verfügung stehen, täuscht sich. Die 19 Mitglieder ihrer Fraktion teilen sich eine Sekretärin, mehr Mitarbeiter gibt es nicht. Auch ein Chauffeur ist Fehlanzeige. Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass man genau dies doch auch einmal im Deutschen Bundestag praktizieren könnte.

Die Arbeit eines Abgeordneten im isländischen Parlament ist mindestens ein Ganztagsjob, doch „jeder Tag ist anders“, sagt Valgerður zufrieden. „Es ist eine Arbeit, die man für die Leute, das ganze Volk macht“, ergänzt sie, „ich richte mein Augenmerk aber natürlich auch auf meinen Wahlkreis“. Wegen der vielen Arbeit nahm sie vergangenen Dezember sogar auf sich, dass ihre Adventszeit ganz anders verlief als in anderen Jahren. „In Island bereitet man sich den ganzen Dezember auf Weihnachten vor, man backt und all so was“, erzählt sie. Doch gerade neu ins Parlament eingezogen und voller neuer Aufgaben schaffte sie es diesmal gerade einmal anderthalb Tage vor Heiligabend nach Hause in den Norden. „Aber auch das klappte“, sagt sie strahlend, weil alle in der Familie mithalfen und an einem Strang zogen.

Valgerður Gunnarsdóttir.Valgerður Gunnarsdóttir im Parlament. Foto: Gabriele Schneider

Während wir in der Parlaments-Kantine zu Mittag essen, stellt Valgerður mir einige ihrer Abgeordneten-Kollegen vor. Einer davon ist Steingrímur J. Sigfússon von der Links-Grünen Bewegung. Er ist gleich alt wie Valgerður, allerdings ein „alter Hase“ im Alþingi: Seit 1983 zählt er zu den Abgeordneten, also seit mehr als 30 Jahren. Steingrímur kommt von einem Bauernhof im Fjord Þistilfjörður in Nordost-Island. Von 1999 bis 2013 war er Vorsitzender seiner Partei, seit 2013 ist er, genau wie Valgerður, stellvertretender Parlamentssprecher und Mitglied der isländischen Delegation beim Nordischen Rat. In den zurückliegenden drei Jahrzehnten war er wohl schon Mitglied in fast jedem Ausschuss und hatte einige Ministerposten der verschiedensten Ressorts inne. Steingrímur findet es gut, richtig und wichtig, das Ressort immer wieder einmal zu wechseln, „damit man nicht festsitzt, nicht beginnt, nicht mehr über den Tellerrand zu schauen und auch immer wieder etwas Neues dazulernt“.

Ich bin ein wenig verblüfft, denn weder Valgerður noch Steingrímur reden davon, als Politiker ein Land zu regieren, sondern davon, etwas für ihr Land, für die Menschen zu tun und erreichen zu wollen, indem sie selbst lernen und dadurch letztlich auch etwas für sich selbst tun. Beide sind sicher, dass man in Island vieles erreichen könne, wenn man es nur wirklich möchte.

Valgerður berichtet, es habe sie dennoch etwas überrascht, dass die Wähler sie mit 58 Jahren neu ins Parlament wählten. Sie rät allen: „Wenn du etwas möchtest, die Möglichkeit dazu bekommst und daran glaubst, dann solltest du diese Chance auf jeden Fall ergreifen.“

Gabriele Schneider – gabriele(at)icelandreview.com www.Schreibwerkstatt-in-Island.de

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